Buch- und Bibliothekswesen

Buch- und Bibliothekswesen

Bei der Suche nach einer beruflichen Perspektive sind zwei Überlegungen besonders wichtig.

1. Sind meine Vorstellungen von einem Beruf (noch) aktuell.
2. Welche Tätigkeiten gruppieren sich um meine ursprüngliche Berufsvorstellung herum.

Erstere lässt sich am Beispiel des Lektorenberufs gut nachvollziehen, der sich vom Betreuer/Betreuerin eines Autors zum Projektmanager/Projektmanagerin für Bücher gewandelt hat. Die zweite Überlegung lässt sich an der Geschichtswissenschaft und ihren Hilfswissenschaften nachvollziehen, welche die Bandbreite an möglichen Berufen enorm erweitern.
Als gemeinsamer Ausgangspunkt für einen Beruf im Buch- oder Bibliothekswesen steht die bei GeisteswissenschaftlerInnen zu vermutende Neigung zu Büchern und damit verbunden die Frage, wie mache ich das zu einem Beruf? Betrachtet man dieses Feld aber genauer, ergeben sich entscheidende Unterschied, z.B. die Frage, ob Sie sich für Bücher oder für Wissen interessieren oder jene, wann Sie eine Entscheidung für einen bestimmten Berufsweg treffen müssen.

Der Weg zum Traumberuf erfordert einen langen Atem

Wenn Ihr Ziel der Bibliotheksdienst ist, absolvieren Sie nach dem Bachelor einen Master und beginnen danach eine Ausbildung zum höheren Bibliotheksdienst. In den meisten Ausschreibungen werden Sie noch die Formulierung „Promotion erwünscht“ finden. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass die Notwendigkeit einer Promotion für den höheren Bibliotheksdienst in den kommenden Jahren abnehmen wird. Ein Indiz hierfür ist die wachsende Anzahl jungen BibliothekarInnen in den letzten Jahren, die zuvor keinen Doktortitel erworben haben. Dennoch schadet eine abgeschlossene Promotion nicht – niemals!
Sie bewerben sich immer auf eine fachspezifische Ausschreibung (Germanistik, Medizin etc.). Diese fachlichen Ausschreibungen sind nicht immer nach Schulfächern oder Studiengängen eingeteilt. Das heißt, Ausschreibungen für z.B. die Bereiche „Digital Humanities“ oder „Wissenschaftsgeschichte“ bieten bei gegebenem Interesse genügend Spielraum für die Bewerbung von GeisteswissenschaftlerInnen unterschiedlichster Couleur.
Oben genannte Ausbildung, auch Vorbereitungsdienst (auf eine Verbeamtung) genannt, teilt sich - je nach Bundesland - auf in 1. Referendariat (staatlich-institutionell) oder Volontariat (privatrechtlich) und 2. theoretische Ausbildung, entweder an der Bibliotheksakademie Bayern in München, die an der Bayrischen Staatsbibliothek angesiedelt ist, oder ein Master-Studium. Auch letzteres richtet sich nach dem jeweiligen Bundesland. Die genaue Unterscheidung, welches Studium (Präsenz- oder Fernstudium) an welchen Universitäten für die Ausbildung in welchen Bundesländern möglich ist, können Sie auf der Homepage des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare nachlesen. Wie man das Berufsziel BibliothekarIn also erreichet, ergibt sich demnach aus einer Kombination von Interessen und Studienschwerpunkten mit (berufs-) strategischen und schließlich auch regionalen Aspekten.
Die Ausschreibungen werden immer von den Bibliotheken herausgegeben. Die aktuellen Ausschreibungen für Baden-Württemberg finden Sie z.B. hier, Stellenangebote deutschlandweit hier.
Wenn Sie Bachelor, Master, evtl. eine Promotion und den Vorbereitungsdienst zusammenrechnen, kommen Sie auf mindestens zehn Jahre Lernen zwischen Studienbeginn und Jobeinstieg.

Quereinsteiger gibt es nicht

Die Frage, ob auch ein rein wissenschaftlicher Hintergrund – ohne eine Bibliotheksausbildung – mit einschlägigem Studium z.B. zum Thema „Inkunabeln“ ausreicht, lässt sich eindeutig mit Nein beantworten. Es dürfte allerhöchstens in einigen spezialisierten Bibliotheken die Möglichkeit geben, eine Anstellung zu finden, z.B. bei der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Wenn Sie sich einen Eindruck darüber verschaffen wollen, wie wichtig die Ausbildung zum Bibliothekar/zur Bibliothekarin für den Wunscharbeitsplatz Bibliothek ist, schauen Sie einfach einmal ins Jahrbuch der deutschen Bibliotheken rein. Dort sind die Mitglieder mit ihrem Arbeitsplatz und ihren Ausbildungen aufgelistet. Natürlich können sie hiermit auch die Gegenprobe machen und schauen, wo Nicht-Bibliothekare angestellt sind.

"Broker für Informationsdienstleistungen"

Bedenken Sie, dass es im Bibliotheksdienst vorwiegend um die Sammlung und Bereitstellung von Wissen geht. Dieses wurde jahrhundertelang in Büchern gelagert. Die Möglichkeiten der Digitalisierung verändern aber Suche, Lagerung und Vermittlung von Wissen zunehmend. So geht es in den Bibliotheken bei diesem Thema heute schon nicht mehr primär um das Erstellen elektronischer Kataloge, sondern um die Verfügbarmachung der Inhalte selbst, wie eine  Themenseite des Deutschen Bibliotheksverbands schreibt. Dort steht aber auch zu lesen, dass die Gefahr der Digitalisierung darin besteht, dass „nicht digitalisierte Materialien zunehmend aus der Wahrnehmung der Benutzer ausgeblendet werden.“ Sind Sie also mehr der „Broker für Informationsdienstleistungen“ wie Michael Bienert in einem Artikel für das Goethe-Institut schreibt oder doch mehr der Bücherwurm, der sich für das Buch an sich interessiert?

Das Material des Buches steht bei den BuchbinderInnen und BuchrestauratorInnen noch einmal stärker im Vordergrund. Eine solche Stelle gibt es auch an der Uni-Bibliothek in Mannheim. Sie ist für die Bestandserhaltung der „Alten Drucke“ zuständig. Eine Verbindung zur Wissenschaft besteht natürlich trotzdem. Es sind wissenschaftliche Fragen, die beantwortet werden müssen, wenn die Frage ansteht, ob ein Einband ersetzt oder restauriert wird, wie die losen Seiten eines fremdsprachigen Buches aufeinander folgen oder welches Material benutzt wurde. Viele dieser Fragen haben lange Jahre BuchbinderInnen mit Zusatzausbildungen oder langjähriger Erfahrung in einschlägigen Betrieben entschieden. Seit etwa zwei Jahrzehnten gibt es Studiengänge im Bereich Buchrestauration, für die keine Buchbinderausbildung mehr notwendig ist, dafür aber sehr lange Praktika, von bis zu einem Jahr Dauer. Die Studiengänge sind zwar auch nach Bachelor- und Master-Programmen aufgeteilt, die Praxis zeigt aber, dass es sich hierbei um wirklich konsekutive Studiengänge handelt und ein Einstieg zum Master nicht möglich ist. Einer der renommiertesten Studiengänge in diesem Bereich ist der B.A./M.A. Papierrestaurierung (Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier- Archiv und Bibliotheksgut) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Obwohl beiden Berufswegen die Neigung zum Buch zu Grunde liegt, gibt es einen entscheidenden Unterschied. Auf „Bibliothekar“ können Sie nach einem beliebigen wissenschaftlichen Studium noch umschwenken, für den Beruf des Restaurators müssen Sie sich schon zu Beginn des Studiums entschieden haben und im Falle einer Umorientierung wieder von vorne anfangen. Außerhalb von Universitäten und Bibliotheken gibt es aber eine Menge Arbeitgeber, für die Ihr tiefgehendes Interesse am Buch nützlich ist: Auktionshäuser wie Venator und Hanstein in Köln oder Antiquariate wie Bernard Quaritch Ltd. in London. Die Qualifikation mit der Sie sich für solchen Arbeitgebern interessant machen können, resultieren nicht nur aus Praktika, die Sie absolviert haben, sondern auch aus Haus- und Abschlussarbeiten, Projektseminaren und viel Leidenschaft für das Thema Buch.

Weiterführende Links:

Unibibliothek Mannheim, hier finden Sie einen Link zur Landesbibliothek in Stuttgart
Merkblatt über die Ausbildung für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken
M.A. Library and Information Science an der HU Berlin
Praktika in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel
Studiengang Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart
Förderverein Papierrestaurierung Stuttgart (Hrsg.): Beruf Studium Förderung, Stuttgart, 2015
Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare
Deutscher Bibliotheksverband
Berufsverband Information Bibliothek e.V.
http://www.buecherfrauen.de/index.php?id=47  Zusammenschluss von Frauen, die in der Buch- und Verlagsbranche arbeiten und aktiv sind.

Weiterführende Lektüre:

Gantert, Klaus: Bibliothekarisches Grundwissen, Berlin: De Gruyter Saur, 2016, 9. Aufl.
Verein Deutscher Bibliothekare (Hrsg.): Jahrbuch der deutschen Bibliotheken, Wiesbaden: Harrassowitz, 1.1902 - 33.1942(1943); 34.1950-55.1993; 56.1995/96(1995) - ISSN 0075-221