Jonas Brosig

Jonas Brosig

Wissenschaft­licher Mitarbeiter
Universität Mannheim
Lehr­stuhl für Zeitgeschichte
L 7, 7
Historisches Institut, L7, 7 – Raum 206
68161 Mannheim
Sprechstunde:
Di 10:00–11:00 Uhr

Jonas Brosig ist seit 2019 wissenschaft­licher Mitarbeiter am Lehr­stuhl für Zeitgeschichte. Zuvor studierte er Geschichte, Germanistik und Latinistik in Mannheim, Heidelberg und Mykolajiw. Ab 2013 war er Hilfskraft am Lehr­stuhl für Neuere und Neueste Geschichte II, seit 2014 am Lehr­stuhl für Zeitgeschichte. Hier unterrichtete er verschiedene Tutorien zu Seminaren der jüngeren deutschen Geschichte. Im HWS 2018 begleitete er des Master-Lektüreseminar “Karl Marx: Das Kapital”. Im Rahmen von Praktika arbeitete er an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, am Deutschen Historischen Institut London sowie am Goethe-Institut in Kiew. Jonas Brosig ist Vorsitzender des Fördervereins des Historischen Instituts. Sein Promotions­projekt untersucht psycho-patholgisierende Deutungs­muster für das Entstehen linker politischer Gewalt seit den späten Sechziger Jahren in der Bundes­republik.


  • Lehre

    • Proseminar: „Die Geschichte der Roten Armee Fraktion“ (HWS 2019)
    • Proseminar: „Terrorismus und politische Gewalt“ (FSS 2020)
    • Lektüre-Seminar: „Karl Marx: Das Kapital“ (FSS 2018, Begleitung)
    • Tutorium: „Die deutsche Revolution 1918/19“ (HWS 2015, en bloc)
    • Tutorium: „Der lange Schatten der Vergangenheit. Die Bundes­republik und der Umgang mit den NS-Prozessen nach 1945“ (FSS 2015)
    • Tutorium: „Von der sowjetischen Besatzungs­zone bis zum Beitritt zur Bundes­republik. Die DDR von 1945/49 bis 1989/90“ (FSS 2014)
    • Tutorium: „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ (HWS 2013)
    • Tutorium: „Das Attentat in der Geschichte“ (HWS 2012)
  • Promotions­projekt

    „Revolution der Gestörten, Irre am Gewehr? Psycho-Pathologisierungen linker politischer Gewalt seit den späten sechziger Jahren in der BRD“

    „Wäre doch sehr peinlich, wenn sich herausstellte, dass alle diese Leute einer Verrückten nachgelaufen sind.“[1] Mit diesen Worten soll der Oberstaats­anwalt der Bundes­anwaltschaft, Peter Zeis, 1973 die Notwendigkeit einer Hirnszintigrafie Ulrike Meinhofs begründet haben.  Bereits im Jahr zuvor hatte der Stern eine Röntgenaufnahme von Meinhofs Schädel veröffentlicht, die 1962 infolge einer Hirnoperation entstanden war. Unter der Schlagzeile „Der Tumor im Gehirn der Meinhof“[2] hatte das Magazin die so bezeichnete Stelle in der radiografischen Aufnahme mit einem schwarzen Pfeil versehen. Die Implikatur war einleuchtend: Dem politischen Gewalthandeln der vormals ehrbaren Journalistin lag ein neurologischer Defekt des Gehirns zugrunde, der sich zudem mittels bildgebender Verfahren exakt lokalisieren ließ. Das Böse war somit nicht nur krankhaft irrational, sondern hatte zugleich einen Ort, an dem seine Prävention und Bekämpfung ansetzen konnten.

    Das Promotions­projekt befasst sich mit psycho-pathologisierenden Deutungs­entwürfen für linke politische Gewalt und Terrorismus[3] seit den späten 1960er Jahren in der Bundes­republik. Unter den analytischen Begriff der Psycho-Pathologisierung werden sprachlich heterogen realisierte Erklärungs­angebote gefasst, die linkes Gewalthandeln auf vermeintlich a priori vorhandene psychisch-biologische Merkmale der Akteur*innen zurückführen. Diese seriell artikulierten Deutungs­konzepte bildeten ihrerseits Funktions­elemente eines kollektiven kommunikativen Zusammenhanges (Diskurs), die sich nicht erst im Zuge eines studentisch-linksalternativen „Psycho-Booms“[4] seit Mitte der 1960er Jahre zu thematisch gebundenen Elementen des politischen Sprachgebrauchs verdichtet hatten; als Labels für linke Devianz reflektieren sie vielmehr auch biologistische Denkfiguren des 19. Jahrhunderts, die nach 1945 vor allem in der psychiatrisch-juristisch dominierten Kriminologie fortbestehen konnten. In diesen Kontinuitäten zeigt sich das Klischee des Wahnsinns mithin als ein ereignisgeschichtliche Zäsuren überdauernder, „moderner“ Topos zur wirksamen virtuellen Strukturierung der erlebten Welt.

     


    [1] Zitiert nach: Internationales Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener in West-Europa, Anklage wegen des Todes von Ulrike Meinhof, 19.03.1977, S. 82. Siehe auch: Willi Winkler, Vor zwanzig Jahren nahm sich Ulrike Meinhof das Leben, in: DIE ZEIT 20 (1996). URL: https://www.zeit.de/1996/20/meinhof.txt.19960510.xml (letzter Zugriff 10.02.2020); Heinrich Hannover, Stammheimer Geheimnisse, in: Ossietzky 24 (2002). URL: https://www.sopos.org/aufsaetze/3e11dedb0e877/1.phtml.html (letzter Zugriff: 10.02.2020).

    [2] N. N., Der Tumor im Gehirn der Meinhof, in: STERN Nr. 26 vom 18.06.1972, S. 20f.

    [3] Die Problematik des Terrorismus-Begriffs ist wohl jeder Disziplin, die sich eingehender mit dem Phänomen­bereich „Terrorismus“ und politische Gewalt beschäftig, hinlänglich bekannt. Gabriele Metzler hat sie wie folgt formuliert: „Terrorismus, nota bene, ist ein jeweils zeitgenössischer Begriff, den man eigentlich nur in Anführungs­zeichen gebrauchen kann; für die Form politischer Gewalt, die uns hier interessiert, ist er freilich gebräuchlich geworden.“ Gabriele Metzer, Erzählen, Aufführen, Widerstehen: Westliche Terrorismusbekämpfung in Politik, Gesellschaft und Kultur der 1970er Jahre, in: Johannes Hürter (Hg.), Terrorismusbekämpfung in Westeuropa. Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren, Berlin u. a. 2015, S. 117–136, hier S. 118. Ich schließe mich Metzlers Meinung ausdrücklich an und verwende den Begriff lediglich aus Gründen der erleichterten Lesbarkeit sowie aufgrund der Annahme eines minimalen Konsenses über bestimmte Merkmale des Begriffs (u. a. symbolische Gewalt/ Mittel der Kommunikation).

    [4] Wilfried Rasch, Ursachen des Terrorismus. Die forensisch-psychiatrische Perspektive, in: Geistig-politische Auseinandersetzungen mit dem Terrorismus. Protokoll einer Modelltagung, veranstaltet vom Arbeits­stab „Öffentlichkeits­arbeit gegen Terrorismus“ im Bundes­ministerium des Innern, Bonn 1979, S. 55.