Schwerpunkte der Forschung

  • Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus
  • Erinnerungs­kultur und Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit
  • Geschichte des Protests und der Protestbewegungen
  • Die Nuklearkrise der 1980er Jahre
  • Konsumgeschichte des 20. Jahrhunderts
  • Politische Geschichte von Baden-Württemberg
  • Juristische Zeitgeschichte
  • Migration und Einwanderungs­gesellschaft im Südwesten
  • Kulturen der Nachrichtendienste
  • Transatlantische Beziehungen, US-Außen­politik und Geschichte der US-Militärpräsenz in Deutschland

    Laufende Promotions­projekte

  • Philipp Baur

    “Sage niemand, er habe es nicht wissen können”: Populärkultur und nukleare Bedrohung der 1980er Jahre

    (Universität Augsburg, gefördert vom Elite­netzwerk Bayern, Betreuer: Gassert)

    Das Dissertations­projekt untersucht die Rolle von Populärkultur für die Proteste der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Die Debatte um den NATO-Doppelbeschluss und die nukleare Nachrüstung wurde begleitet von einer beachtlichen Welle an Filmen, Musik und Romanen, die sich auf künstlerischem Wege mit Szenarien der totalen (Selbst-)Vernichtung durch einen Atomkrieg auseinandersetzten. Popkultur ist eine etablierte Komponente von Protest – jede soziale Bewegung hat ihre Hymnen und Ikonen. Das Verhältnis von Pop und Protest wandelte sich jedoch in den 1970/80er Jahren. Das Projekt geht diesen Veränderungen in der Protestkultur an Hand einer Auswahl von Fallbeispielen auf die Spur.

    Anfang der 1980er Jahre erschienen eine Reihe von “Ernstfall-Romanen”, in denen der mögliche Atomkrieg bis ins kleinste Detail und auf Basis wissenschaft­licher Expertisen durchgespielt wurde. Bücher wie Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schwedenborn (1983) oder Anton-Andreas Guhas Ende: Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg (1982) verkauften sich in hohen Stückzahlen. Sie spiegeln nicht nur zeitgenössische Ängste, sondern verhandeln immer auch die Optionen eine bessere Welt und verstanden sich als Aufruf zum Handeln. Die Ergebnisse einer Rezeptions­analyse legen nahe, dass diese Intention von den Lesern kritisch hinterfragt wurde.

    Die nukleare Bedrohung wurde auch im Film verarbeitet und heftig diskutiert. Hier fällt auf, dass zahlreiche amerikanische und britische Produktionen in die Kinos kamen, etwa The Atomic Café (USA, 1982), The Day After (USA, 1983), Threads (GB, 1984) oder When the Wind Blows (GB, 1986), während vergleichbar populäre Film-Apokalypsen in der Bundes­republik nicht entstanden sind. Dennoch spielte Film als Medium der Aufklärung und Mobilisierung in der Friedensbewegung eine wichtige Rolle. Dokumentarfilme wie Recherche über den Tag X oder Man gewöhnt sich an alles (beide 1982) inszenierten den drohenden nukleare Welt­untergang zwar nicht so effektvoll wie The Day After, weisen jedoch eine Reihe von übergreifende Eigenschaften aufweisen, die typisch für die deutsche Debatte waren, etwa die ständige Bezugnahme auf den Zweiten Weltkrieg oder die intensive Auseinandersetzung mit lokalen Zivilschutz­programmen.

    In der Musik erfasst die Thematik das gesamte Genrespektrum – vom unpolitischen Schlager (Nicole, Ein bisschen Frieden) bis hin zu explizit politischen Protestsongs (Beuys, Sonne statt Reagan). Ähnlich breit gefächert wie das Darstellungs­medium und die Stilrichtung erweist sich die Motivation ihrer Produzenten, vom dezidierten Sprachrohr politischen Widerstands bis hin zur bewussten Kommerzialisierung eines Zeitgeistphänomens. Ein transnationaler Trend der Zeit waren Großveranstaltungen wie Künstler für den Frieden und Perfomers and Artists for Nuclear Disarmament, bei denen nicht mehr nur protesterfahrene Sänger wie Hannes Wader oder Franz-Josef Degenhardt auf der Bühne standen, sondern auch  Popstars wie Udo Lindenberg und Peter Maffay. Diese Friedensfestivals sind im Kontext einer in den 1970/80er Jahren breiter werdenden und sich professionalisierenden Protestkultur zu sehen, die Künstler für oder gegen bestimmte politische Themen in Stellung brachte (vgl. Rock Against Racism, Life Aid, Artists United Against Apartheid, etc) Ebenso wichtig wie die Charterfolge war die Musikkultur an der Basis der Friedensbewegung, die an Hand von grauer Literatur, Flugblättern und Liederbüchern analysiert wird.

    Erste Ergebnisse sind in folgendem Aufsatz erschienen: Nukleare Untergangsszenarien in Kunst und Kultur, in: Christoph Becker-Schaum, Philipp Gassert, Martin Klimke, Wilfried Mausbach und Marianne Zepp (Hg.), „Entrüstet Euch“: Nuklearkrise, Nato-Doppelbeschluss und Friedensbewegung, Paderborn: Schöningh 2012, S. 325-338.

  • Eva Beckershoff

    Die Dritte-Welt-Bewegung in Frankreich im Kontext des Kalten Krieges (Betreuer: Gassert)

  • Dennis Gemming

    Wilhelm List. Die Biographie: Ein Generalfeldmarschall im Dialog mit der Illusion der Biographik in der Geschichts­wissenschaft

    (Betreuerin: Borgstedt)

  • Ruth Hatlapa

    Amerikanische Präsidenten als Projektions­fläche für europäische Ängste und Ideale seit dem Ende des Kalten Krieges in den westeuropäischen Medien

    (Gefördert durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, Betreuer: Gassert)

    Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Europa besteht einerseits in realen politischen Beziehungen, andererseits gibt es im Bezug aufeinander auch eine ausgeprägte imaginative Ebene. Im europäischen Amerikabild wird in der Regel nicht nur „Amerika” als Symbol verhandelt, sondern auch ein europäisches Selbstbild konstruiert. Gerade seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall der sicherheits­strategisch notwendigen Partnerschaft ist eine Entfremdung in der transatlantischen Allianz beobachtbar. Gilt die „westliche Wertegemeinschaft” beim Antritt von Präsident Bill Clinton noch als selbstverständlich, wird dies im Kontext der Präsidentschaft George W. Bushs grundsätzlich infrage gestellt. Und selbst unter dem in Europa so gefeierten Präsidenten Barack Obama scheint die transatlantische Allianz plötzlich maßgeblich an Bedeutung zu verlieren. Parallel zur Distanzierung zwischen Amerika und Europa wird die Vertiefung der europäischen Integration ausgestaltet. Dieser Prozess bringt die Notwendigkeit einer europäischen Identität zur Legitimation und Konsolidierung der europäischen Union hervor, die sich zunehmend durch Abgrenzung von Amerika konstituiert.

    Mein Dissertations­projekt wird den Prozess der ideellen Neudefinition des europäisch-amerikanischen Verhältnisses seit dem Ende des Kalten Krieges durch eine Analyse der westeuropäischen Diskurse über die US-Präsidenten und „Amerika” historisch und politisch erforschen. Die Debatte werde ich ausgehend von der Perspektive der Konstruktion nationaler Selbst- und Fremdbilder untersuchen und die projektiven Anteile im europäischen Blick auf „Amerika”, vermittelt über die Wahrnehmung der amerikanischen Präsidenten, identifizieren.

    Die Arbeit wird zwei Fragekomplexe fokussieren: (1) Wie werden die transatlantischen Beziehungen in den europäischen Medien charakterisiert und bewertet? Welche Bedeutung kommt darin dem amerikanischen Präsidenten, seiner Politik und Persönlichkeit, zu und in welchem Verhältnis steht diese Figur zum positiven oder negativen Symbol „Amerika”? Ist das Amerikabild statisch oder flexibel? Wie verändern sich Argumentations­strategien im Kontext sich wandelnder internationaler Machtkonstellationen und nationaler Interessenpolitik? (2) Im nächsten Schritt möchte ich herausarbeiten, welche Selbstbilder von Europa – spezifischer von westeuropäischen Regierungen und Gesellschaften – in diesem Kontext artikuliert werden. In welchem Verhältnis stehen nationale und europäische Identitäten? Wie sind diese jeweils zu Amerika positioniert und welche Rolle kommt darin innereuropäischen Konflikten zu? Gibt es eine Diskrepanz zwischen den europäischen Idealen und der politischen Praxis? Worin besteht die Attraktivität für die europäischen Gesellschaften, ihr Selbstverständnis trotz der vielen Gemeinsamkeiten vor allem durch Abgrenzung von den USA zu formulieren?

    Diese Fragen möchte ich durch eine empirische Analyse der Darstellungen von Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama in britischen, deutschen und spanischen Print- und Onlinemedien beantworten. Ziel ist es, mögliche Veränderungen in der europäischen Wahrnehmung der USA aber auch die Ambivalenz und Flexibilität von Vorurteilsstrukturen sowie kollektiver Identitätsbildung aufzuzeigen. Die Arbeit soll einen Beitrag zur präziseren Unterscheidung zwischen Antiamerikanismus und der Artikulation politischer Differenzen im transatlantischen Verhältnis einerseits und zur allgemeinen Forschung zu kollektiver Identitätskonstruktion andererseits leisten.

    Zur Person

    Ruth Hatlapa arbeitet an ihrer Dissertation „Amerikanische Präsidenten als Projektions­fläche für europäische Ängste und Ideale seit dem Ende des Kalten Krieges in den westeuropäischen Medien” am Historischen Institut der Universität Mannheim. Sie hat Kultur­wissenschaften, Politik­wissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie der Freien Universität Berlin studiert. Neben ihren akademischen Aktivitäten engagiert sie sich in Bildungs­projekten gegen Antisemitismus.

    Publikationen

    (2013) (mit Mehmet Can, Karoline Georg): Challenges and Opportunities of Educational Concepts concerning National Socialist Crimes in German Immigration Society, in: Jikeli, Günther, et al (eds): Muslim perceptions on the Holocaust, New York/Berlin/London.

    (2012) (mit Andrei S. Markovits): Europäische Obamania als Kehrseite eines beständigen Antiamerikanismus. Deutschland als Pars pro toto, in: Erkner, Linda, et al (eds.): Update! Perspektiven der Zeitgeschichte. Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck/Wien, S. 471-479.

    (2010) (mit Adibeli Nduka-Akwu): „Schutz­gebiet”; „Schutz­vertrag”; „Schutz­truppen”, in: Hornscheidt, Antje; Nduka-Akwu, Adibeli (Hg.): Rassismus auf gut Deutsch. Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen, Frankfurt a.M., S. 179-186.

    (2010) (mit Andrei S. Markovits): Obamamania and Anti-Americanism as Complementary Concepts in Contemporary German Discourse, in: German Politics and Society, Vol. 8, Nr. 1, S. 69-94.

    (2009) (mit Andrei S. Markovits): Obamamania and anti-Americanism, in: Aspenia, Nr. 45-46, S. 166-175.

    (2007): Eugen Fischer, in: Hoffmann, Jessica; Megel, et al (eds.): Dahlemer Erinnerungs­orte, Berlin: Frank & Timme, 171-183.

  • Evelyn Huber

    Fighting Generikee: Resistance Against Native American Marketing Representations, 1930-2015

    (Gefördert von der Gerda-Henkel-Stiftung, Betreuer: Gassert)

    Das Promotions­projekt „Fighting Generikee“ untersucht auf qualitativer und quantitativer Ebene Proteste in den USA gegen die Verwendung von Indigenität als Marketing­strategie sowie Unternehmens­strategien im (öffentlichen) Umgang mit diesen Protesten.

    Jeep Cherokee, Eskimo Pies, Mohawk Carpet Mills, Land O`Lakes Butter, Red Man Tobacco und Crazy Horse Malt Liquor sind nur wenige Beispiele der zahlreichen Unternehmen, die ihre Marken und Produkte mit einem Touch von Indianness umwerben. Mit seinen prototypischen Eigenschaften wie Kraft, Stolz oder auch Wildheit bzw. deren Bezwingung soll der generische Werbeindianer beim Konsumenten Assoziationen von amerikanischer Herkunft, Natürlichkeit, Exotik und Macht hervorrufen. Indigene Kunst und Designs sind ebenso seit der Besiedelung Amerikas äußerst beliebt. Schmuck, Souvenirs und andere Kunstgegenstände bilden in den USA einen stetig wachsenden, milliardenschweren Absatz­markt, der von Imitationen und Billigimporten gefährdet ist.

    Der Aktivismusgegen Marketing­praktiken wendet sich spätestens seit den 1930er Jahren gegen die unautorisierte Verwendung indigener Designs, Symbole oder Namen. Seit den 1960er Jahren aber treten vermehrt auch ethische Aspekte wie stereotype Darstellungs­weisen von Native Americans als „nobler Wilder“ oder „sexy Squaw“ in verschiedensten Werbemedien in den Vordergrund. Da inzwischen viele Stämme ihre Stammesnamen markenrechtlich geschützt haben, mehren sich seit der Jahrtausendwende auch Fälle von Markenrechts­verstößen, die gerichtlich verhandelt werden.

    Betroffen waren in den USA bislang neben zahlreichen Klein­unternehmen auch Konzerne wie Anheuser-Busch, Nestlé, Liz Claiborne, Urban Outfitters, Nike oder GAP. Die geografische Verteilung von Protesten verweist nicht nur auf besonders aktive Kritiker, sondern auch auf deren u.a. regional unterschiedliche Interessenslagen, die von der fairen Repräsentation indigener Menschen, dem Schutz der Privatsphäre bis hin zur Sicherung des Einkommens reichen. Gelegentliche Proteste beispielsweise in Großbritannien, Frankreich und Neuseeland deuten darauf hin, dass entsprechende Werbe­richtlinien im Zuge der Globalisierung für international vertretene Firmen an Relevanz gewinnen.

    Das Projekt untersucht zudem das Krisen­managementvon Werbetreibenden angesichts der Proteste und die Bewertung der Strategien durch Nachrichtenmedien. An Hand dessen werden nicht nur effektive Protest­strategien, sondern auch erfolgreiche Umgangsweisen aus Firmenperspektive herausgearbeitet. Bei Vorwürfen wie Rassismus oder Sexismus entscheidet die Reaktion des Unternehmens darüber, ob diese dem Firmenimage letztlich schaden, oder ob die Kritik sogar zu einer positiven Imagebildung beitragen kann.

     

    Bei der Verwendung von Indigenität zum Zweck der (Selbst-) Ver­markt­ung und insbesondere bei der Praxis des Playing (sexy) Indian findet die Stellung weißer Frauen gegenüber indigenen Frauen besondere Beachtung, da dieses Mächte­verhältnis in Protesten zunehmend als hegemonial angeprangert wird. In diesem Zuge arbeitet das Projekt heraus, inwieweit Kritiker Werbung als Ausdruck wie auch als Akteur desKolonialismus betrachten, und welche Strategien der Dekolonisation sie dem entgegensetzen.

     

    Zur Person:

    Evelyn Huber schloss 2013 erfolgreich den Master­studien­gang Historische Wissenschaften mit dem Schwerpunkt Neuere und Neueste sowie Amerikanische Geschichte an der Universität Augsburg ab. Nach ihrem akademischen Jahr an der Emory University (Atlanta, USA) begann sie 2015 an der Universität Mannheim unter dem Titel „Fighting Generikee“ ihre Promotion zum Thema Proteste gegen indigene Werberepräsentationen in den USA.

  • Doreen Kelimes

    Die Kriegsgefangenen in Mannheim, 1914-1921

    (Betreuer: Gassert, Nieß)

  • Anne Kremer

    Ungleichheit und die IG Metall. Diskurs und Praxis von den 1960er bis in die 1990er Jahre

    (Betreuer: Gassert)

  • Johannes Mühle

    Vorbereitung auf den Verteidigungs­zustand. Ökonomische, technische, materielle und personelle Aspekte und Dimensionen der Mobilmachung und Militarisierung der DDR-Gesellschaft in den 1970er und 1980er Jahren

    (Betreuer: Bange)

    Das Dissertations­projekt erforscht die Dimensionen und Auswirkungen der gesamt­gesellschaft­lichen wie territorialen Mobilmachung und Militarisierung der DDR in den 1970er und 1980er Jahren. Die besondere militärgeografische Lage der DDR an der westlichen Bündnisgrenze des Warschauer Vertrages machten nach den Maßgaben des sowjetischen Generalstabs und der Vereinten Streitkräfte besondere Vorkehrungen und Vorbereitungen nötig. Zum einen waren die bewaffneten Organe der DDR entsprechend den operativen Planungen personell wie technisch-materiell aufzustellen, um erfolgreich an offensiven Handlungen nach einem Angriff der NATO, der als unausweichlich angenommen wurde, teilzunehmen. Zum anderen mussten dafür das Territorium und die gesellschaft­lichen Bereiche bereits im Frieden als potentielles Versorgungs­hinterland der Truppen des Warschauer Vertrages hergerichtet werden. So schrieb bereits 1961 das Verteidigungs­gesetz der DDR die Nutzbarmachung aller Ressourcen des Landes für die Landes­verteidigung vor.
    Neben Lagern für Reserven zählen dazu die personelle Mobilisierung zur Landes­verteidigung jenseits von Wehrdienst und Sozialistischer Wehrerziehung, die Ausrichtung des Infrastrukturnetzes auf die Belange der Heranführung von Truppen aus dem Osten oder die zahlreichen Schnittmengen und Querverbindungen zwischen dem militärischen und den zivilen Bereichen. Darüber hinaus wurden Mittel des zivilen Bereichs beispielsweise des Gesundheitswesens oder Fahrzeuge, Maschinen und Gerät aus der Volkswirtschaft fest für die Mobilmachung von Truppen und den Verteidigungs­fall eingeplant. So ergaben sich nicht nur zahlreiche zivil-militärische Doppelfunktionen, sondern mit­unter eine erhebliche Verknappung von wichtigen Ressourcen des zivilen Sektors.
    Die Arbeit folgt der Fragestellung, welche materiellen und personellen Kapazitäten der DDR-Gesellschaft über das Militär hinaus in welcher Weise für die Landes­verteidigung eingesetzt bzw. eingeplant wurden. Anliegen ist es, die Ausmaße und Folgen für Gesellschaft, Infrastruktur und Wirtschaft des Landes dieser Vorbereitung auf den Verteidigungs­zustand zu systematisieren und quantifizieren sowie die Rolle der Militarisierung bei der Herrschafts­sicherung der SED zu untersuchen.

    Zur Person

    Johannes Mühle, geb. 1988 in Bad Muskau, studierte von 2007 bis 2013 die kultur­wissenschaft­liche Ausrichtung des Studien­gangs Kultur und Technik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (seit Juli 2013 Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) auf Bachelor und Master. Seine Master­arbeit verfasste er zum Thema: „Wir waren eingesperrt und haben uns selbst bewacht” – Hintergründe, Motive und philosophische Aspekte des Dienstes bei den grenzsichernden Organen der DDR. Von 2012 bis 2013 war er studentische Hilfskraft am Lehr­stuhl für Technikgeschichte an der BTU Cottbus, zwischen November 2013 und Mai 2014 erarbeitete er einen militärhistorischen Reiseführer und einen militärhistorischen Handbuchartikel im Rahmen des Projekts: Die Niederlausitz und die südliche Lubuskie. Eine Kulturlandschaft im Zentrum Europas. Sein im Juni 2014 aufgenommenes Promotions­projekt am Historischen Institut der Universität Mannheim beschäftigt sich mit den Dimensionen und Auswirkungen der Mobilmachung und Militarisierung der DDR-Gesellschaft in den 1970er und 1980er Jahren.

    Publikationen

    Johannes Mühle, Jan Łukasiewicz. Bedeutung der logischen Analyse für die Er­kenntnis, In: Mario Harz/Jakob Meier (Hg.), Collegium Logicum: Schriften zur Logik, Cottbus 2011, S. 24 bis 27.

    Johannes Mühle, Glasindustrie als „Integrations­motor”?. Das Beispiel Weißwasser als Glasindustrie­standort im 19. Jahrhundert, In: Heinz-Dieter Heimann/Klaus Neitmann/Thomas Brechenmacher (Hg.), Die Nieder- und Oberlausitz – Konturen einer Integrations­landschaft, Bd. III: Frühes 19. Jahrhundert, Berlin 2014, S. 247 bis 253 (= Studien zur brandenburgischen und vergleichenden Landes­geschichte, Bd. 13).

  • Lea Oberländer

    Mannheim im Kontext der NS-„Euthanasie“-Verbrechen

    (Gefördert durch: Heinrich-Vetter-Stiftung, Wilhelm-Müller-Stiftung, MARCHIVUM, Universitäts­klinikum Mannheim, Universität Mannheim; Betreuer: Gassert)

    Das im April 2017 begonnene Dissertations­projekt beschäftigt sich mit dem hunderttausendfachen Massenmord an kranken und behinderten Menschen während der nationalsozialistischen Diktatur, für den der beschönigende Begriff „Euthanasie“ geprägt wurde. Die Studie verfolgt einen lokalen Ansatz und arbeitet die Geschichte der Stadt Mannheim in diesem Kontext erstmals auf.

    Die Stadt Mannheim wird dabei als gesellschaft­licher, politischer und institutioneller Raum zum Untersuchungs­gegenstand. Ziel der Arbeit ist es, die Rolle der Stadt im System des „Euthanasie“-Programms auf verschiedenen Ebenen zu analysieren. Dazu gehören Fragen zu Haltung und Handlung der politisch Verantwortlichen, zu Mitwisserschaft und Mittäterschaft städtischer und kirchlicher Institutionen sowie nach gesellschaft­licher Akzeptanz oder Ablehnung des Mordens. Von besonderem Interesse ist die Reaktion von Angehörigen der Opfer.

    Da bislang keine umfassende wissenschaft­liche Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen an Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern stattgefunden hat, ist intensive Grundlagenforschung ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Zentral ist hierbei der Aufbau einer Datenbank, die möglichst alle Opfer der „Euthanasie“, die in Mannheim geboren wurden oder hier ihren letzten Wohnsitz hatten, erfassen soll. Eine solche Datenbank wird stets work in progress bleiben und auch über den Abschluss der Dissertation hinaus für Ergänzungen und Recherchen zugänglich bleiben. Die Ergebnisse der statistischen Auswertung der Datenbank bilden die Basis des Forschungs­projektes. Daneben sollen auch ausgewählte Einzelschicksale exemplarisch dargestellt werden.

    Die Studie eröffnet eine neue Perspektive auf das Forschungs­feld „Euthanasie“, indem sie eine Stadt in den Fokus rückt, in der es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu „Euthanasie“-Morden gekommen ist. In Mannheim gab es weder eine stationäre psychiatrische Anstalt noch Gaskammern, in denen Menschen planmäßig ermordet wurden. Die meisten psychisch Kranken wurden in der etwa 30 km entfernten „Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch“ untergebracht und viele von ihnen von dort aus, oft auf Umwegen über weitere psychiatrische Einrichtungen, in die Tötungs­anstalten Grafeneck und Hadamar deportiert. Die Auswirkungen räumlicher Distanz zwischen den Morden und der Heimatstadt der Opfer kann auf diese Weise erforscht werden.

    Das Dissertations­projekt verfolgt ein doppeltes Anliegen: Einerseits soll ein Beitrag zur historischen „Euthanasie“-Forschung entstehen, der durch den Fokus auf eine Stadt, nicht auf eine Anstalt, einen neuen Ansatz bietet. Andererseits versteht sich die Studie als Lokalgeschichte, die einen wichtigen Teil der Mannheimer Geschichte aufarbeitet und den wissenschaft­lichen Grundstein für ein würdiges Gedenken an die Opfer legt.

    Es ist ein besonderes Anliegen der Forschungs­arbeit, neben den amtlichen Quellen auch Zeitzeugen-Interviews einzubeziehen. Angehörige von Mannheimer Opfern des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programmes, die mit ihren Erinnerungen das Projekt unterstützen möchten, sind herzlich eingeladen. Aber auch Personen, die sich im Allgemeinen an das Thema „Euthanasie“ während der NS-Zeit in Mannheim erinnern (z.B. an den damaligen Unterricht in der Schule, an Gespräche hierüber in der Familie, im Freundeskreis oder in der Kirche, an verbreitete Gerüchte oder Ängste in der Stadt), werden gebeten, Ihr Wissen mitzuteilen und sich an folgende Adresse zu wenden:

    Zur Person:

    Lea Oberländer ist seit April 2017 Doktorandin am Lehr­stuhl für Zeitgeschichte. Zuvor studierte sie von 2011 bis 2017 Geschichte und Germanistik an der Universität Mannheim sowie an der University of Exeter, Großbritannien. 2017 schloss sie das Geschichtsstudium mit einer Master-Arbeit zum Verhältnis von Hochadel und Liberalismus im 19. Jahrhundert mit dem Titel „Der ‚Coburger Plan‘ – Eine liberale Alternative für Deutschland und Europa? Eine Studie zum Reformansatz monarchischer Repräsentation im 19. Jahrhundert“ am Lehr­stuhl für Neuere Geschichte bei Prof. Dr. Erich Pelzer ab.

    Publikationen:

    „Wir sind voll Unruhe – und das ist unser Glück“. Jüdische Jugendbünde 1907–1938, in: Philipp Gassert / Ulrich Nieß u.a. (Hrsg.): Jugendprotest und Jugendkultur im 20. Jahrhundert. Über 100 bewegte Jahre in Mannheim, Mannheim 2017, S. 18–28.

  • Tobias Ranker

    (Betreuer: Gassert)

    Ulm hat eine alte, in die frühe Neuzeit zurückreichende Tradition als Militärstadt. Seit der Errichtung der Bundes­festung 1815 prägten militärische Bauten auch über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg das Stadtbild von Ulm und Neu-Ulm: Ulm zählte in der Weimarer Zeit zu den größten Standorten der nach dem Versailler Vertrag stark reduzierten Reichswehr. Es erhielt im Kontext der Aufrüstung der Wehrmacht in der NS-Zeit zahlreiche weitere Kasernenbauten, die in der Nachkriegszeit zuerst US-amerikanische Mannschaften übernahmen und dann ab 1956 zum Standort des Korpskommandos des II. Korps der Bundes­wehr wurden.

    Neu-Ulms städtischer Aufstieg begann erst mit dem Bau der Bundes­festung und war dadurch ökonomisch und gesellschaft­lich von Beginn an auf die Garnison ausgerichtet. Aufgrund der Militärbeschränkungen nach dem Ersten Weltkrieg verlor die Stadt ‚ihre’ Soldaten, wurde aber ein Jahr nach der NS-„Machtergreifung” wieder ein Militär­standort mit neuen Kasernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen diese die amerikanischen GIs. Nach der Gründung der Bundes­wehr wurden seit 1956 erneut deutsche Einheiten in Ulmer Kasernen stationiert. Daher verlagerte sich das dortige Kontingent der US-Armee vollständig auf die Stadt Neu-Ulm, die somit bis 1991 zur US-Garnison wurde, während Ulm nun eine deutsche Garnisonsstadt war.

    Die durchgehende militärische Präsenz mit mehrfach wechselnden Armeen wirft die Frage auf, inwieweit die Garnison als städtebaulicher und ökonomischer Entwicklungs­faktor fungierte und wie Soldaten und das Militär das soziale Leben der Ulmer und Neu-Ulmer beeinflussten oder gar gestalteten. Ausgehend von der These, dass sich der Trennungs­gedanke – einerseits Militär, andererseits Bevölkerung – aufgrund der zahlreichen gewollten wie ungewollten Berührungs­punkte nicht aufrecht erhalten lässt, möchte dieses Projekt durch den Vergleich des Umgangs der Bewohner und der Stadt mit Reichswehr, Wehrmacht, US Army und Bundes­wehr Muster der zivil-militärischen Interaktion in einer Garnisonsstadt identifizieren. Einen besonderen Reiz erhält die Untersuchung auch dadurch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zwei unterschiedliche Armeen (US-Armee und Bundes­wehr) gleichzeitig in Ulm/Neu-Ulm stationiert waren.

    Bis heute prägen militärischen Bauten das Gesicht der beiden Städte, wor­unter die nach 1933 bzw. 1945 neu gebauten Kasernen zählen, aber v. a. auch die noch von der Bundes­wehr genutzte Bundes­festung. Hinzu kommen neben den ‚eigentlichen’ militärisch genutzten Gebäuden im engeren Sinne, noch die zivilen Unterkünfte für die zahlreichen Heeresangehörigen. Klagen über Wohnraumknappheit gab es aber nicht erst seit dem Auftauchen der Amerikaner, als ganze Stadtviertel zu housing areas erklärt wurden, sondern schon zuvor in der Wehrmachtszeit.

    Militär stellt einen wirtschaft­lichen Faktor dar. Hierbei ist die ökonomische Entwicklung Neu-Ulms interessant, da diese originär auf die Garnison und die Soldaten eingestellt war und nach dem Ersten Weltkrieg trotz des Wegfalls von 2 500 Soldaten einen kontinuierlichen Aufschwung erlebte: Die Zahl von Gewerbe und Industrie stieg an, was zeitweise sogar zu Arbeits­kräftemangel führte. Die massive Zerstörung beider Städte im Zweiten Weltkrieg führte zu einer notdürftigen zivilen Belegung der Kasernen, wor­unter sich auch Betriebe befanden. Diese wurden durch die Requirierungen der US-Armee in ein groß angelegtes Betriebs­verlagerungs­programm gezwungen, worauf aber eine raschere Erschließung eines weiteren Industriegebiets folgte, was die traditionelle Struktur Ulms als Garnisonsstadt zuvor verhindert hatte.

    Durch die endgültige Formierung der Reichswehr 1921 traten die Teile des in Ulm garnisonierten Reichsheeres z. B. durch Sport- und Turnier­veranstaltungen mit Stadt und Bevölkerung in Interaktion, was sich nach der Machtergreifung mit der Wehrmacht intensivierte und zugleich weitere Festlichkeiten und Paraden nach sich zog. Als die Ulmer/Neu-Ulmer Kasernen zu Beginn der 1950er Jahre mit US-Soldaten belegt wurden, verpflichtete die weltpolitische Lage die GIs als Repräsentanten des westlichen Systems zur Rollentransformation vom „Besatzer zum Beschützer” (Hans-Jürgen Schraut) und somit zur verordneten positiven Nachbarschaft. Die deutsche Wiederbewaffnung führte kurzzeitig zur Doppelbelegung der Kasernen, bis sich die Bundes­wehr auf Ulm und die US-Armee auf Neu-Ulm konzentrierte. Die Umstellung der Amerikaner auf eine Berufsarmee, der Vietnamkrieg, die schwarze Bürgerrechts­bewegung und der Verfall des Dollars wirkten sich auch in Deutschland aus, denn Ausschreitungen und Drogenkonsum in der Armee nahmen zu, weshalb sich die Beziehungen zur Bevölkerung abkühlten. Mit dem NATO-Doppelbeschluss erreichte die Friedensbewegung auch in den Donaustädten einen Höhepunkt, der zu Demonstrationen und Blockaden vor den US-Kasernen führte. Nach sechs Jahren wurden die Pershing-II-Raketen wieder abgezogen und der US-Standort offiziell 1991 geschlossen, womit die amerikanische Präsenz in Neu-Ulm ein Ende fand.

  • Philipp Scherzer

    „Do We Still Need Europe?“ Neokonservative Europabilder und transatlantische Entfremdung von den 1970er Jahren bis ins 21. Jahrhundert

    (Gefördert von der Gerda-Henkel-Stiftung, Betreuer: Gassert)

    Zu Beginn des 21. Jahrhundert erfasste eine Welle heftiger Europakritik die amerikanische Öffentlichkeit. Neokonservative Autoren prägten und förderten diese Debatten maßgeblich und griffen hierbei auf europaskeptische Topoi zurück, die in den Reihen dieses intellektuellen Umfelds seit Anfang der 1970er Jahre entwickelt wurden. Im Sinne einer zeitgeschichtlichen Problemgenesegeschichte möchte ich in meinem Dissertations­projekt die Entstehung, Entwicklung und Wirkung der neokonservativen Europakritik untersuchen. Methodisch setzt meine Untersuchung auf eine Kombination von Er­kenntnisinteressen und Fragestellungen aus den Bereichen Diskursanalyse, Rezeptions­geschichte und intellectual history, um die Europabilder der neokonservativen Intellektuellen in ihrer Komplexität erfassen und einordnen zu können.

    Das Forschungs­interesse ist geleitet von der Annahme, anhand des Untersuchungs­gegenstandes und -zeitraumes vorliegende historiographische Standard­narrative und ihre leitenden Periodisierungs­angebote in Frage stellen zu können. Die Quellenfunde deuten erstens darauf hin, dass die These Klaus Schwabes einer „kopernikanischen Wende“ amerikanischer Europabilder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs relativiert werden muss. Die ideell-diskursive und politische Annäherung Amerikas an die Alte Welt kannte deutliche Grenzen, wie die europakritischen Topoi der Neokonservativen mit ihrer erkennbaren inhaltlichen und argumentativen Nähe zu dem in amerikanischen Gründungs­mythen begründeten kulturellen Anti-Europäismus bezeugen. Dieses resistente Bilderreservoir bestand, wie ein Blick auf die neokonservativen Debatten zeigt, trotz umfänglicher geopolitischer Veränderungen nach 1945 weiter. Zweitens schafft diese veränderte Perspektive zugleich die Grundlage dafür, auch die zweite historiographische Leitthese amerikanischer Europabilder im 20. Jahrhundert, den Zusammenbruch der Sowjetunion als Fundament eines in den letzten Jahren vieldiskutierten transatlantic drift zu verstehen, hinterfragen zu müssen. Die von der Literatur vielfach auf durch den Wegfall des gemeinsamen Feindbildes zurückgeführten transatlantischen Entfremdungs­tendenzen lassen sich innerhalb der neokonservativen Diskurse deutlich weiter zurückverfolgen und zeigen sich etwa bereits in Reaktionen zur Nachrüstungs­debatte Anfang der 1980er Jahre in aller Deutlichkeit.

    Die Heterogenität neokonservativer Standpunkte und Denkweisen zeigt sich in der Vielschichtigkeit der vorzufindenden Ansichten und Urteile über Europa. Nichtsdestotrotz hat die bisherige Quellensichtung einige grundsätzliche Tendenzen ihrer Europakritik zu Tage gefördert. So lässt sich im Umfeld der einflussreichen Monatszeitschrift Commentary, maßgeblich vom Historiker Walter Laqueur geprägt, die Fundamentlegung neokonservativer Europakritik zu Beginn der 1970er Jahre beobachten. Die zahlreichen Artikel des Journals das Bild eines politisch zerstrittenen, wirtschaft­lich geschwächten und politisch impotenten Kontinents, der tatenlos einem langsamen aber stetigen Untergang entgegenblickt.

    Ab Mitte der 70er Jahre findet sich im gesamten neokonservativen Umfeld im Rahmen ihrer Détente-Kritik eine Diskurs­strategie, die die zeitgenössische Annäherungs­politik an die Sowjetunion mithilfe deren Gleichstellung mit der französischen und britischen Appeasement-Politik gegenüber Hitler seit Mitte der 1930er Jahre zu diskreditieren versucht. Exemplifiziert am Münchner Abkommen von 1938 erörterten neokonservative Autoren mit beachtlicher Ausdauer und Nachdruck die zu erwartenden Konsequenzen einer „europäischen“ Außen­politik und vermittelten anhand dieser Analogie und dem Verweis auf ein Weiterwirken entsprechender politischer Wertvorstellungen in Europa eine fundamentale Skepsis gegenüber der Alten Welt.

    Zu Beginn der 1980er Jahre führt das angespannte transatlantische Klima im Kontext der Nachrüstungs­debatte zu einer Eskalation neokonservativer Europakritik. Mit Entsetzen reagierten neokonservative Beobachter auf Entstehung und Wirken der europäischen Friedensbewegung, welche als Symptom eines willensschwachen und orientierungs­losen Kontinents betrachtet wurde. Grassierender Antiamerikanismus und das Selbstverständnis Europas als Opfer von Zerstörungs­fantasien und Planspielen zweier selbstsüchtiger Großmächte waren aus Sicht vieler Neokonservativer Zeichen fortgeschrittener politischer Verwirrtheit und kultureller Dekadenz, die unter dem Schutz­schirm der USA gediehen waren.

    Nach dem Ende des Kalten Kriegs lässt sich eine Ausdifferenzierung der neokonservativen Europakritik feststellen, die nun neben bekannten politischen Argumenten vermehrt, demographische, wirtschaft­liche und kulturelle Verfehlungen Europas in den Blick nimmt, die in den Jahrzehnten zuvor aufgrund der Priorität des Politischen im „Cold War Framework“ des Neokonservativen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfuhren.

    Insbesondere Er­kenntnisse aus der aktuellen Antiamerikanismus-Forschung sollen dabei helfen, Gestalt und Intention der neokonservativen Europakritik verständlich zu machen. Denn wie das Verhandeln Amerikas in europäischen Gesellschaft oftmals der Verarbeitung von wahrgenommenen Problemkonstellationen in der Heimat diente und dient, so ist ein zentrales Motiv der neokonservativen Auseinandersetzung mit Europa dessen diskursive Verhandlung als „das Andere“ im Sinne eines zentralen Referenzpunktes, an dem etwa die Erfolge amerikanischer Wirtschafts­politik gemessen oder die Irrwege der Kissinger’schen Außen­politik aufgezeigt werden konnten. „Europa“ scheint, darauf deuten diese ersten Ergebnisse hin, eine ähnliche Funktion innerhalb des amerikanischen Diskurses einzunehmen, wie es die Forschung mit Blick auf „Amerika“ im europäischen Kontext eindrücklich demonstriert hat.

  • Johannes Schneider

    Die CDU/CSU in der Nachrüstungs­debatte 1979 bis 1983

    (Gefördert von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft, DFG, Betreuer: Philipp Gassert)

    Als Teilstudie des DFG-Forschungs­projekts „Die Nuklearkrise: Politischer Protest, Populärkultur und politische Kommunikation in den 1980er Jahren“ fragt die Dissertation „Die CDU/CSU in der Nachrüstungs­debatte 1979 bis 1983“ (Arbeits­titel) nach Querverbindungen zwischen Friedensbewegung und etablierter Politik in Westdeutschland während einer von neuerlichen schweren Spannungen zwischen den Supermächten USA und UdSSR geprägten Phase des Kalten Krieges.

    Die Friedensbewegung mobilisierte weltweit Millionen Menschen, die gegen den als Reaktion auf die Dislozierung sowjetischer SS-20 Mittelstreckenraketen gefassten NATO-Doppelbeschluss und einen so ausgelösten, neuen Rüstungs­wettlauf demonstrierten. In der Bundes­republik liefen Hundertausende Sturm gegen die erklärte Regierungs­politik sowohl Helmut Schmidts als auch (ab 1982) Helmut Kohls, den Doppelbeschluss umsetzen zu wollen. Doch die Parteien gerieten nicht nur wegen des gesellschaft­lichen Widerstands in schweres Fahrwasser. Zum Richtungs­streit kam es auch zwischen Nachrüstungs­befürwortern und -gegnern innerhalb der Parteien selbst. Besonders tief gespalten war die SPD. Nicht nur aber auch deswegen zerbrach die sozialliberale Koalition; auf Bundes­kanzler Schmidt folgte Helmut Kohl sowie eine Koalition aus CDU/CSU und FDP.

    In dem Dissertations­projekt stehen drei Fragen im Mittelpunkt. Erstens ist zu klären, wie die CDU/CSU mit internem Widerspruch gegen die offizielle Parteipolitik, nämlich die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses, d.h. also die Stationierung von amerikanischen „Pershing II“ Mittelstreckenraketen und „Tomahawk“ Marschflugkörpern in Westdeutschland (und anderen westeuropäischen Staaten), umging. Anders als es der Öffentlichkeit von der Parteispitze suggeriert wurde, war auch innerhalb der Union Widerspruch vorhanden, der sich freilich nicht so offen wie bei den Sozialdemokraten Bahn brach. Die Beteiligung der Kirchen am Protest gegen die Nachrüstung und die Betonung der christlich-ethischen Dimension der Nachrüstungs­frage stürzte manchen Unionspolitiker in ein Dilemma, schließlich verstanden sich die Mitglieder als eine an den Werten der christlichen Ethik ausgerichtete Partei. Darüber hinaus handelte es sich bei diesen und anderen konservativen Demonstranten auch um die Wählerklientel der Union. Konkret heißt dies also: Welche Schlüsse die Parteispitze aus dem Zerbrechen der SPD gezogen, um die eigene Partei und Basis „zusammenzuhalten“? Es handelt sich um eine praktische Frage des Machterhalts, der schließlich auch den Abstimmungs­erfolg über die Nachrüstung im Bundestag am 22.11.1983 sicherstellen sollte.

    Zweitens ist zu untersuchen, ob die CDU/CSU im Laufe der Zeit nicht nur aus dem Niedergang der SPD, sondern auch von der Friedensbewegung selbst zu lernen wusste. Lag die Deutungs­hoheit in der Debatte zu Beginn der großen Demonstrationen noch bei den „Gruppen der alternativen Sicherheitspolitik“ (so der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler über die Friedensbewegung), arbeitete die christlich-liberale Koalition seit der Regierungs­übernahme daran, die Verhältnisse umzudrehen, ihre Passivität abzulegen und eine aktive Rolle einzunehmen. Die Parteiführung schien erkannt zu haben, dass neue Kommunikations­strategien notwendig waren, um die (protestierenden) Menschen zu erreichen. Auffällig dabei ist, dass verstärkt Aktions­formen, Symboliken und sprachliche Stilmittel Einzug in die Veranstaltungen, Verlautbarungen sowie Informations­publikationen der Partei fanden. Es ist also zu prüfen, ob möglicherweise ein aktiver Austausch zwischen Partei­mitgliedern unterhalb der Bundes­ebene und Anhängern der Friedensbewegung sowie die Zirkulation dieser Austauschergebnisse im CDU/CSU-Parteiapparat solche Wandlungs­prozesse bewirkten.

    Drittens soll analysiert werden, inwieweit der Streit um die Nachrüstung auch als gesamt­gesellschaft­licher Selbstverständigungs­prozess in der Bundes­republik bewertet werden kann. Der anhaltend-massive Protest vor dem Hintergrund einer des „zweiten Kalten Kriegs“ zeigte die Bereitschaft von Teilen der Bevölkerung, tradierte Argumentations­muster nicht länger unhinterfragt gelten zu lassen, sondern nach alternativen Konzepten suchen zu wollen. Gleichzeitig standen der Bundestagswahlerfolg der „Grünen“ und ihr erstmaliger Einzug in den Bundestag stellvertretend dafür, dass die Protestbewegungen dabei waren, sich zu institutionalisieren. Wenngleich die Grünen keinesfalls alle Forderungen des heterogenen Spektrums der einzelnen Interessengruppen repräsentierten, die unter dem Banner des Kampfs gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen ein gemeinsames, integratives Ziel gefunden hatten, deutete der Wahlerfolg doch darauf hin, dass eine Verschiebung von politischen Gewichten eingesetzt hatte. Die CDU/CSU stand damit auch vor der Herausforderung, wie mit dem neuen politischen Gegner innerhalb des Parlaments umgegangen werden sollte, der sehr tief in der Protestbewegung verwurzelt war.

    Obwohl es die CDU/CSU/FDP-Koalition war, die den Nachrüstungs­beschluss trotz aller Widerstände und nach langer und intensiver Debatte im Bundestag schließlich durchgesetzt hatte, besteht hinsichtlich der oben genannten Fragen noch ein Desiderat. Das hier portraitierte Promotions­projekt soll dazu beitragen diese Lücke zu schließen und damit ein genaueres Verständnis darüber zu schaffen, wie die CDU/CSU in der Auseinandersetzung mit der Friedensbewegung agierte und (unbewusst?) dazu beitrug, moderne politische Kommunikation in der Bundes­republik Deutschland in den frühen 1980er Jahren zu etablieren.

  • Vivian Seidel

    Europäische Reaktionen auf die Strategische Verteidigungs­initiative (SDI)

    (Betreuer: Gassert)

    Das Dissertations­projekt geht der Fragestellung nach, wie sich die diplomatischen Reaktionen und politischen Antworten auf die Strategische Verteidigungs­initiative (SDI) in und zwischen Westdeutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden entwickelten; inwiefern die europäischen Regierungen einen gemeinsamen Konsens hinsichtlich der Mitarbeit an SDI finden konnten und bis zu welchem Grad sie sogar in der Lage waren eine kollektive Antwort zu harmonisieren. Die Arbeit verknüpft so die Reaktionen der westeuropäischen Regierungen mit den Dynamiken des Kalten Kriegs der 1980er Jahre und setzt diese in einen transatlantischen und diplomatiehistorischen Kontext

    Am 23. März 1983 brachte der amerikanische Präsident Ronald Reagan die strategische Gleichung der Abschreckung, festgehalten durch den ABM-Vertrag, ins Wanken, in dem er im nationalen Fernsehen seine sog. „Star Wars“-Rede hielt und das Forschungs­programm Strategic Defense Initiative (SDI) ankündigte. Reagan sprach von der Vision mithilfe eines im Weltraum stationierten Schutz­schilds Raketen abwehren zu können und somit Nuklearwaffen gänzlich obsolet zu machen, um letztendlich den Ausbruch eines Nuklearkriegs von vornherein zu verhindern. Die weltraum­basierte Raketenabwehr schien jedoch noch in den 1980er Jahren in weiter Ferne zu liegen und somit lieferte Reagans „Star Wars“-Rede einen Startschuss für ein großangelegtes Forschungs­programm, das die technischen Möglichkeiten erarbeiten sollte. Reagan plante das Forschungs­projekt zu einem multilateralen und transnationalen Programm zu erweitern. In seiner Fernsehansprache richtete er sich deshalb nicht nur an die amerikanischen Wissenschaft­lerInnen, sondern auch an die Atlantische Gemeinschaft und ganz explizit an die westeuropäischen Partner, die durch das Verteidigungs­system ebenfalls vor Raketenangriffen geschützt werden sollten.

    SDI löste im Laufe der 1980er Jahren in den USA und in Westeuropa politische Debatten aus, wodurch die Idee der strategischen Verteidigung zunehmend zu einer politischen Realität heranwuchs, der sich die westeuropäischen Regierungen stellen und Position beziehen mussten. Die Auswirkungen von SDI auf die wirtschaft­liche, industrie-, strategie-, sicherheits- und außen­politische Situation in der Bundes­republik, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden schienen kurz nach Reagans Ankündigung 1983 nicht abschätzbar. Deshalb hatte es ausführlichen Konsultationen bedurft, um die womöglich weitreichenden Folgen bei einer Beteiligung an SDI einschätzen und bewerten zu können. Auch mehr als 30 Jahre nach Reagans Ankündigung wirft die strategische Verteidigungs­initiative die Frage auf, wie Westeuropa auf diese geplante Abwandlung der Abschreckungs­strategie reagierte und welche Folgen dies beinhaltete.

    Im Verlauf der 1980er Jahre entwickelte sich die Diskussion um eine mögliche Teilnahme an SDI zu einem bleibenden Thema zwischen den Regierungen von Margaret Thatcher, Francois Mitterrand, Helmut Kohl und Ruud Lubbers. Die westeuropäischen Politiker_Innen und Diplomat_Innen versuchten in regelmäßigen bilateralen und multilateralen Gesprächen (z.B. deutsch-französische sicherheitspolitische Zusammenarbeit; Vierergespräch der Politischen Direktoren) und Verhandlungen in unterschiedlichen Konstellationen und Institutionen (z.B. NPG, WEU, NATO, EPZ) Vor- und Nachteile einer Teilnahme an SDI abzuwägen und über mögliche Konsequenzen zu diskutieren, die sich für die Atlantische Gemeinschaft hätten ergeben können, wenn sich die westeuropäischen Partner gegen, bzw. für eine Beteiligung an SDI entschieden. Diese diplomatischen Diskussionen, die die Frage nach SDI in den 1980er Jahren hervorgerufen hatte, spiegeln die transatlantischen sowie innereuropäischen Beziehungen zum Ende des Kalten Kriegs wider. Ferner zeigt diese politische Debatte die Bedeutung der transatlantischen Kooperation auf und rückt gleichzeitig die Frage nach einer westeuropäischen Sicherheitspolitik in den Vordergrund, die zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Europäischen Gemeinschaft nicht in der heutigen Form existierte.

    Das Dissertations­projekt setzt die Diskussionen um SDI in einen diplomatiehistorischen und transatlantischen Zusammenhang, der verdeutlicht, dass Reagans Verteidigungs­initiative nicht auf einer bloßen nationalstaatlichen Ebene die Regierungen zu Antworten und Entscheidungen gedrängt hat, sondern diese auch ein wachsendes Bewusstsein für eine europäische Sicherheitspolitik geweckt haben. Durch den multiperspektivischen und multilateralen Ansatz können exemplarisch anhand von den Reaktionen auf SDI die transatlantischen Beziehungen der 1980er Jahre und die westeuropäische Kooperation aufgezeigt werden.

  • Lucia Taglieber

    Luftschutz­maßnahmen im Zweiten Weltkrieg zum Schutz der Kriegsproduktion – Eine Analyse der Industriestadt Ludwigshafen am Rhein

    (Betreuerin: Borgstedt)

  • Olga Volz

    Verbotener Umgang mit Zwangs­arbeitern

    (Betreuerin: Borgstedt)


    Abgeschlossene Promotions­projekte

  • Dr. Anne Bieschke

    “Frieden im Patriarchat ist Krieg für Frauen!” – Die westdeutsche Frauenfriedensbewegung der 1970er und 1980er Jahre

    (Betreuer: Gassert)

    Im Rahmen des Forschungs­projektes Nuclear Crisis – Transatlantic Peace Politics, Rearmament, and the Second Cold War beschäftigt sich dieses Dissertations­projekt mit der Geschlechterdimension der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Dabei stehen zwei Aspekte im Vordergrund. Zum einen das Geschlechter­verhältnis innerhalb der gesamten Friedensbewegung. Zum anderen sollen vor allem auch die zahlreichen von Frauen für Frauen organisierten Gruppierungen und Aktionen untersucht werden, die als autonomer Teil innerhalb der Friedensbewegung betrachtet werden können.
    Ein Beispiel hierfür sind die „Frauen für den Frieden”-Gruppierungen, die ihren Ursprung in Dänemark hatten. Hier initiierten Frauen im Februar 1980 eine Unterschriftenaktion begleitet von einem Aufruf „Frauen für den Frieden”, der unter anderem Abrüstung und den Stopp des Machtkampfes zwischen den Großmächten Amerika und Sowjetunion forderte. Auch in der Bundes­republik und der DDR beteiligten sich zahlreiche Frauen an dieser Aktion und gründeten meist kleinere, lokale Gruppen unter dem Namen „Frauen für den Frieden”.

    Themen und Ziele der Frauenfriedensbewegung waren durch eine starke Verknüpfung der Friedensthematik mit frauen­spezifischen Themen gekennzeichnet. Der Einfluss der Frauenbewegung und ihren emanzipatorischen Forderungen ist an vielen Stellen gut sichtbar.
    Zusammenfassend lassen sich einige übergeordnete Themen und Ziele der Frauenfriedensbewegung festhalten:
    Einerseits die Verhinderung der Aufrüstung und einer befürchteten Militarisierung der Gesellschaft und damit die Beendigung des Wettrüstens der Supermächte USA und Sowjetunion.
    Generell war das Verhältnis von Frauen zum Militär ein wichtiges, teils ambivalentes Thema. So wurde innerhalb der Bewegung, trotz ihrer pazifistischen Grund­orientierung, kontrovers diskutiert, ob ein Wehrdienst für Frauen abgelehnt oder aus Gründen der Gleichberechtigung befürwortet werden sollte.
    Eine weitere Frage war die Bedeutung von Krieg und Gewalt für das weibliche im Vergleich zum männlichen Geschlecht. Die Mehrfach­bedrohung von Frauen sollte herausgestellt werden. Das übergeordnete Ziel war die Verhütung von Gewalt gegen Frauen in allen Lebens­bereichen. Je nach Nähe der Akteurinnen zur Frauenbewegung konnte es mit anderen feministischen Forderungen verbunden sein.
    In ihren Protestformen, unterschieden sich die Frauen kaum von der allgemeinen Friedensbewegung: Demonstrationen, Unterschriftenaktionen, Blockaden und Menschenketten waren häufig gewählte Mittel. Der eigentliche Unterschied bestand darin, dass Aktionen organisiert wurden, die sich nur an Frauen richteten. Als besondere Protestformen von Frauen werden Frauenfriedensmärsche und Verweigerungs­aktionen, bei denen Frauen ‚vorsorglich’ bei der zuständigen Behörde schriftlich jede Form des Kriegseinsatzes verweigerten, genannt. Bei deren Wirkung handelt es sich jedoch um ein Desiderat, das im Rahmen dieser Untersuchung geschlossen wird.

    Den Ausgangspunkt des Forschungs­projekts bildet die Neue Frauenfriedensbewegung der BRD von den späten 1970er Jahren bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre. ‚Neu’ war sie in Abgrenzung zu früheren von Frauen getragenen Bewegungen der 1950er Jahre und der des 19. Jahrhunderts. Berücksichtigt wird, dass es sich bei der Frauenfriedensbewegung, genauso wie bei der gesamten Friedensbewegung um ein internationales und block­übergreifendes Phänomen handelte. Aus diesem Grund kann die BRD nicht isoliert betrachtet werden. Die Interaktion der westdeutschen Frauen mit Frauengruppen anderer Länder wird in die Analyse einbezogen.
    Ein weiterer Aspekt, der untersucht wird, ist das Verhältnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung der Frauenfriedensbewegung. Zeitungs­artikel in der Tagespresse über Aktionen der Frauen sind rar, sie selbst kritisieren die Ignoranz gegenüber der Frauenfriedensbewegung (z. B. Hanne-Margret Birckenbach) und die Unsichtbarkeit ihrer Tätigkeiten. Diesen Aspekt weiterzuverfolgen erscheint sehr er­kenntnisbringend: trotz ihrer scheinbaren Unsichtbarkeit, ist die Bedeutung der Frauen für die Friedensbewegung nicht zu unterschätzen Dies macht allein schon ihr rein zahlenmäßig großer Beitrag deutlich.
    Die Wahrnehmung der Frauenfriedensbewegung wird entlang dreier Achsen untersucht. Erstens die gegenseitige Wahrnehmung zwischen Frauenfriedensbewegung und gesamter Friedensbewegung. Zweitens die Wahrnehmung der Frauenfriedensbewegung durch die nicht aktive Öffentlichkeit, zum Beispiel in der Tagespresse, im TV oder in politischen Debatten. Die Rezeption durch aktive Befürworter und vor allem Befürworterinnen der Nachrüstung bildet die dritte Achse.

  • Dr. Sebastian Demel

    Verschränkung von erfolgreicher Unternehmens­führung, gesellschaft­licher Verantwortung und innovativer Wissenschafts­förderung. Das Beispiel Carl Zeiss, Otto Schott und Ernst Abbe

    (Gefördert durch die Carl-Zeiss-Stiftung, Betreuer: Steinbach)

    Das 19. Jahrhundert brachte mit dem bürgerlich geprägten Mäzenatentum eine neue Form gemeinwohl­orientierten und zugleich zielgerichteten Handelns hervor. Im Zentrum stand dabei zunächst die Kunst- und Museums­förderung. Die durch Ernst Abbe im Jahr 1889 ins Leben berufene Stiftung unterscheidet sich von den bis dahin verbreiteten Förderungs­initiativen. Sie zeichnet sich durch die durchaus innovative Kombination von erfolgreicher Unternehmens­führung, gesellschaft­licher Verantwortung, zielgerichteter Förderung unter Betonung der Mitverantwortung der Stifter für die weitere Entwicklung und durch das durchaus politische Ziel aus, gesellschaft­liche Defizite abzubauen und eigenständige wissenschaft­liche und wirtschaft­liche Akzente zu setzen. Mit der Stiftung als Steuerungs­element bürgerschaft­lichen Engagements reagierte Abbe auf den sozialen Wandel zum Ende des 19. Jahrhunderts durch Anpassung an die von ihm wahrgenommenen Folgen von Industrialisierung und moderner Leistungs­gesellschaft. Sein Handeln muss daher als Problembewusstsein und kritische Auseinandersetzung mit der Modernisierung und ihren Folgen sowie einer daraus resultierenden Übernahme bürgerschaft­licher Verantwortung interpretiert werden.

    Grundlage für die Stiftung war die erfolgreiche Entwicklung der Firmen Carl Zeiss und Schott & Genossen zu Welt­markt­führer durch die innovative Verbindung von wissenschaft­lichem Sachverstand, mechanischer Präzision und industrieller Organisations­fähigkeit. Die Initiative zur Stiftungs­gründung wiederum ging von Ernst Abbe aus. Der aus der Arbeiterschaft aufgestiegene Natur­wissenschaft­ler sah sich als Unternehmer in der Pflicht, Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen und forderte “eine öffentliche Tätigkeit des Unternehmertums”. Er fasste daher den Plan, eine Stiftung zu gründen.

    Die Carl Zeiss-Stiftung stellte ein innovatives Modell dar, wie durch die Übertragung der Unternehmens­anteile in eine Art „unpersönlicher Hand” ein Unternehmen wirtschaft­lich erfolgreich und wissenschaft­lich nachhaltig geführt werden könne. Gleichzeitig gestand das umfangreiche Stiftungs­statut von 1896 mit der Verrechtlichung der Arbeits­beziehungen bei Zeiss und Schott der Belegschaft einklagbare Rechte und Leistungen zu, die einen Interessenausgleich mit der Unternehmens­führung auf lange Zeit ermöglichen sollten. Soziale Projekte außerhalb der Betriebe kamen der Bevölkerung und besonders den unteren Schichten zugute, während den Wissenschaften an der Universität Jena umfangreiche Fördermittel zur Verfügung gestellt wurden.

    Die Carl Zeiss-Stiftung erwies damit als ein Instrument, das den gesellschaft­lichen Wandel mitgestaltete und die Anpassung an von Abbe wahrgenommene gesellschaft­liche Problemlagen unterstützte. Gleichzeitig setzte sie sein wirtschaft­liches und gesellschaft­liches Idealbild in Realität um. Sein Ziel mit der Stiftung war es, auf eine freie Gemeinschaft von Staats­bürgern mit gleichen Rechten und Pflichten und unabhängig von Besitz und Stand hinzuarbeiten.

    Ernst Abbe stand mit seinem Wirken aber nicht allein – in einem Vergleich mit anderen Sozialreformern, Stiftern und Unternehmens­leitern wird das Beispiel der Carl Zeiss-Stiftung in den Kontext einer allgemeinen Verantwortungs­gesellschaft zu Ende des 19. Jahrhunderts gestellt. Denn bürgerschaft­liches Engagement im Kaiserreich war breit angelegt, vielfältig und muss als politisches Handeln verstanden werden, wenn Bürger auf die Ausgestaltung von Gesellschaft einwirkten, trotz defizitärer parlamentarischer Partizipations­möglichkeiten. Die historische Bewertung des deutschen Kaiserreichs muss daher um die Perspektive einer handlungs­fähigen und -willigen Zivil­gesellschaft differenzierend erweitert werden.

  • Dr. Jacob S. Eder

    Holocaust Angst. The Federal Republic of Germany and Holocaust Memory in the United States, 1977-1998

    (University of Pennsylvania, Betreuer: Gassert)

    This dissertation examines the perceptions and reactions of the leadership around Helmut Kohl, West German and then German chancellor from 1982 to 1998, to public United States, e.g. in the mass media, museums, monuments, and educational programs. Drawing on primary sources from over a dozen governmental, party, and institutional archives in both countries, it is among the first projects investigating German-American relations and transnational German efforts to cope with the Nazi past during the 1980s and 1990s to be based on archival documents (made accessible after multiple declassification requests). I argue that a network of West German officials and their associates in private organizations, mostly in the conservative spectrum, perceived themselves as the “victims” of American Holocaust memorial culture. Here they interpreted a lack of attention to the transformation of West Germany after 1949 and feared that public manifestations of Holocaust memory could severely damage its reputation in the United States. I refer to the concerns catalyzed by these perceptions as “Holocaust Angst.” This phenomenon propelled a number of developments, which I analyze in five case studies: the emergence of American Holocaust memorial culture as a political “problem” in the eyes of West German officials in the late 1970s; relations between the Kohl government and American Jewish organizations; West German efforts to influence the content of the United States Holocaust Memorial Museum’s permanent exhibition; cooperation between West German government officials and scholars to channel discourse about Germany and German history in the United States; and sources of conflict and instances of cooperation in German-American Jewish relations after German reunification. In the end, efforts made by the aforementioned circle of political decisionmakers, diplomats, lobbyists, and scholars to change American Holocaust discourse failed. Yet they managed to establish a stable relations­hip with several American Jewish organizations and founded institutions that continue to shape German-American relations today. German engagement with American Holocaust memory also contributed to the transformation of Holocaust memory in the Federal Republic and eventually rendered it a “positive resource” for German self-representation abroad.

    The dissertation, completed in 2012 at the University of Pennsylvania, has won three prestigious international prizes: the 2013 Betty M. Unterberger Dissertation Prize of the Society for Historians of American Foreign Relations; the 2013 Fraenkel Prize in Contemporary History (Category B) of the Wiener Library; and the 2013 Marko Feingold Prize in Jewish Studies, awarded by the University, City, and State of Salzburg, Austria. It was also a finalist for the Fritz Stern Dissertation Prize of the German Historical Institute in Washington.

  • Dr. Marius Golgath

    Kaufleute, Händler und Unternehmer in Lille: Eine vergleichende Studie zur britischen, deutschen und schweizerischen Migration nach Nordfrankreich (1789-1914)

    (Betreuerin: Borgstedt)

    Das Dissertations­projekt befasst sich ausgehend von der ökonomischen Tätigkeit mit dem Privat- und Gesellschafts­leben von immigrierten Kaufleuten und Unternehmern in der nordfranzösischen Stadt Lille, die im 19. Jahrhundert zu den führenden französischen Wirtschafts­zentren gehörte. Die wichtigsten Branchen stellten die Textilproduktion, der Maschinenbau und das Chemiewesen dar. Als Quellen dienen bisher wenig beachtete Akten des Departementsarchivs Lille und anderer nordfranzösischer Archive. Der Untersuchungs­zeitraum beginnt mit der Französischen Revolution (1789) und endet im Jahre 1914 mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der eine Zäsur darstellte.

    Der Schwerpunkt dieser komparativen Studie liegt neben dem Kultur- und Wissenstransfer auf dem Anpassungs­prozess von britischen, deutschen und schweizerischen Kaufmannsfamilien in ihrer neuen Lebenswelt. Es wird danach gefragt, wie sich die Selbstwahrnehmung und Identität im Generations­verlauf veränderten. Der Fokus liegt auf bedeutenden Dynastien die über drei Generationen in Lille und der Region Nord-Pas-de-Calais nachzuweisen sind. Dieser Vergleich ermöglicht die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Zuwanderergruppen herauszuarbeiten.

    Im „langen 19. Jahrhundert“ wurden die Fundamente des heutigen Verständnisses von Nationalstaaten und Staats­bürgerschaft gelegt. Mit der auf Homi K. Bhabha zurückgehenden Hybridität als „dritten Raum der Identität“ wird versucht, die bisherigen Assimilations- und Integrations­konzepte aufzubrechen. An der Fallstudie von Lille wird untersucht inwieweit Hybridität auf die historische Migrations­forschung anwendbar ist. Das Dissertations­projekt dient der Erforschung der westeuropäischen Identitätsgeschichte am Übergang der Neuzeit zur Zeitgeschichte und leistet einen Beitrag zur Migrations­debatte.

  • Dr. Kerstin Hofmann

    Geschlossene Gesellschaft? Die Mitarbeiter der Zentralen Stelle der Landes­justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg 1958 bis heute

    (Betreuer: Steinbach)

    Das Dissertations­projekt von Kerstin Hofmann befasst sich mit den Akteuren der justiziellen Aufarbeitung von NS-Verbrechen in der Bundes­republik. Der Fokus liegt hierbei auf der Zentralen Stelle der Landes­justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Anhand der dort tätigen Staats­anwälte wird untersucht, welche Funktionen oder Bedeutung eine spezifische Gruppe von Akteuren für die Selbstaufklärung der bundes­republikanischen Gesellschaft hatte. Die Dissertation leistet einen Beitrag zur juristischen Zeitgeschichte, der justiziellen “Vergangenheitsbewältigung” sowie der Ideen- und Mentalitätsgeschichte.

  • Dr. Sandra Kraft

    om Autoritätskonflikt zur Machtprobe: Die Studentenproteste der 60er Jahre als Herausforderung für das Establishment in Deutschland und den USA

    (Universität Heidelberg, Betreuer: Gassert)

    War die 68er-Bewegung wirklich Ausdruck eines Generationen­konflikts? Sandra Kraft untersucht sie als Konflikt zwischen antiautoritärer Studentenbewegung und dem Establishment als deren politischem Gegenüber. Sie zeigt, dass die Radikalisierung der Bewegung auch von den (Re-)Aktionen des Establishments beeinflusst war. Der Blick auf verschiedene Protesträume – Universität, Straße und Gerichtssaal – verdeutlicht, dass gerade die situations­bedingte Dynamik, die sich aus dem Zusammenspiel der Akteure (Studenten auf der einen, Polizei und Establishment auf der anderen Seite) ergab, ausschlaggebend für den Verlauf der Ereignisse war.

  • Dr. Jennifer Rodgers

    Vom ‘Archiv des Grauens’ zum ‘Schaufenster der Demokratie’: Der Internationale Suchdienst und transatlantische Vergangenheitspolitik in der Ära des Kalten Krieges

    (University of Pennsylvania, Betreuer: Gassert)

    Jenniger Rodgers interessierte sich für die Politisierung des Archivwesens und ihre Dissertation nimmt als Ausgangspunkt die vor kurzem veröffentlichten Akten des Internationalen Suchdienstes (ITS), der von den britischen und amerikanischen Regierungen im Jahre 1944 gegründet wurde, um die im Laufe des Zweiten Weltkrieges vermissten oder verschleppten Personen zu suchen. Der eskalierende Kalte Krieg aber führte zu einer starken Veränderung des ursprünglichen Mandats. Es geht mir daher um die Instrumentalisierung des Suchdienstes und des sogenannten „Archiv des Grauens” durch die Bundes­republik Deutschland und die Westallierten zwischen den Jahren 1950 und 1956, um ihre politische und kulturelle Ziele zu fördern und legitimieren. Sowohl die Verwaltung des Suchdienstes als auch die Kontrolle über die Archivalien waren von beträchtlicher zweckmässiger und symbolischer Bedeutung für die beteiligten Staaten, von den Vereinigten Staaten über die Bundes­republik Deutschland bis zum Staat Israel. Meine Forschung zeigt die überraschende und einflussreiche Rolle des ITS in der Entwicklung des Kalten Krieges, der Beziehungen zwischen den Staaten des Westens in der Nachkriegszeit, sowie der frühen Geschichtspolitik der Bundes­republik Deutschland.

  • Richard Rohrmoser

    »Sicherheitspolitik von unten« – Gewaltfreie Proteste gegen nukleare Mittelstreckenraketen in Mutlangen 1983-1987

    (Gefördert von der Deutschen Forschungs­gemeinschaft, DFG, Betreuer: Philipp Gassert)

    Im Konflikt um den NATO-Doppelbeschluss und der Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in der Bunderepublik avancierte der kleine schwäbische Ort Mutlangen zum Kristallisations­punkt und Inbegriff des Nachrüstungs­protests. Aufgrund der dortigen Konzentration von Demonstrationen und Blockaden gegen die Dislozierung der Pershing II Raketen ab dem „Heißen Herbst“ 1983 wurde Mutlangen jedoch nicht nur zum physischen Epizentrum für Protest, sondern wegen der ausschließlich gewaltfrei ausgetragenen Aktions­formen auch zu einem zentralen Symbolort der Friedensbewegung. Auf drei verschiedenen Analyseebenen werden die Mikrogeschichte des Protests sowie die daraus resultierenden juristischen und gesamt­gesellschaft­lichen Implikationen untersucht.

    (1) Der Protest vor dem Tor: In einem ersten Schritt werden die konkreten Aktions­formen (Sitzblockaden, Manöververfolgungen, etc.) und Strategien („Ziviler Ungehorsam“) der diversen Protestgruppen vor dem Mittelstreckenraketen-Depot in Mutlangen sowie die Reaktionen von deren Konflikt­partnern – d.h. die Bundes­regierung, die Lokal- und Landes­politik, das Militär, die Polizei sowie die Anwohner – erforscht.

    (2) Der Protest vor Gericht: Anknüpfend daran wird die Verlagerung der Auseinandersetzung in die Gerichtssäle diskursiv untersucht, wo Tausende von Straf­verfahren durch alle Instanzen bis hin zum Bundes­verfassungs­gericht geführt wurden und somit eine regelrechte „Justizkrise“ auslösten, die schließlich zu zwei sich widersprechenden Bundes­verfassungs­gerichtsurteilen in den Jahren 1986 und 1995 führte.

    (3) Der Protest und die Öffentlichkeit: In einer dritten Analyseebene werden die öffentliche Wahrnehmung und der mediale Diskurs über die gewaltfreien Aktions­formen der diversen Protestgruppen in der etablierten als auch alternativen Presse sowie das Ausmaß der gesellschaft­lichen Akzeptanz und die Fortführung dieser Performanzen im Rahmen einer institutionalisierten Protestinfrastruktur thematisiert.

    Der Interaktions­raum Mutlangen – mit der Friedensbewegung und ihren Konflikt­partnern – ist eine anschauliche Fallstudie dafür, dass Konflikte nicht zwangs­läufig konsenssprengend und dysfunktional verlaufen müssen, sondern den politischen Prozess schöpferisch beleben und dynamisieren können. Während in weiten Teilen der bundes­deutschen Friedensbewegung nach dem Stationierungs­beschluss des Bundestages im Herbst 1983 ein Gefühl der „Enttäuschung“ ob der mangelnden Resonanz ihrer Aktionen einsetzte, projizierten einige friedenspolitische Akteure die zuvor abstrakt konstatierte Kriegsgefahr auf einen konkreten dezentralen Ort und propagierten „nahraum­orientierte Handlungs­ansätze“.

    In diesem in Mutlangen ausgetragenen „Streit um den Frieden“ wurde offenkundig, dass die Befürworter sowie die Gegner der Pershing II Raketen mit entschiedenem Durchsetzungs­willen, aber dennoch integrativ, am bundes­republikanischen Konsens arbeiteten, wie durch das zweite Bundes­verfassungs­gerichtsurteil von 1995 und der daraus resultierenden Rehabilitierung der Sitzblockierer deutlich wird. Dabei kam es bei den friedenspolitischen Akteuren zu Auflösungs­erscheinungen des binären Denkparadigmas im Ost-West-Konflikt, ein „Abschied vom Kalten Krieg“ fand in dieser „dezentralen Phase“ der Auseinandersetzung zumindest im schwäbischen Mutlangen jedoch noch keineswegs statt.

  • Dr. Hubert Seliger

    „Politische Anwälte?”: Die Verteidiger der Nürnberger Prozesse

    (Universität Augsburg, Betreuer: Gassert)

    Ausgehend von Überlegungen Otto Kirchheimers zum „politischen Anwalt“ und zur „politischen Justiz“ unternimmt das im Dezember 2014 abgeschlossene Dissertations­projekt erstmals eine umfassende biographische Untersuchung der Strafverteidiger in den 13 Nürnberger Prozessen. Insbesondere versucht die Arbeit die Rolle dieser Verteidiger als eigenständige politische Akteure herauszustellen.

    Die Dissertation erstellt ein Sozialprofil der über 260 Nürnberger Verteidiger, deren Geburtsjahrgänge von 1877 bis 1923 fast ein halbes Jahrhundert abdeckten. Die Analyse der biographischen Hintergründe lässt vereinfacht ausgedrückt die Aussage zu, dass die in Nürnberg angeklagten Industriellen die verbliebenen Reste der Weimarer Anwaltselite und die Konzernjuristen ihrer eigenen Unternehmen für sich engagieren konnten. In den Militärprozessen hingegen übernahmen frühere Offiziere und Militärrichter unter der Leitung Hans Laternsers die Führung der Verteidigung. Am schwierigsten hatten es die hochrangigen Parteigrößen und Mitglieder der SS, handelte es sich doch bei ihren Verteidigern überwiegend um mehr oder weniger freiwillige Pflichtverteidiger, nicht selten Flüchtlinge, die im Extremfall ihre Abneigung gegen ihre Mandanten offen äußerten.

    Wie die auf umfangreicher Quellenbasis untersuchten Eigenpublikationen und ausgewählte Prozessplädoyers belegen, hatten gerade die reinen Pflichtverteidiger, trotz aller Kritik an einzelnen Aspekten der Verfahren, eine durchaus positive Einstellung zu „Nürnberg“ als einem Ort der Gerechtigkeit und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Mit ihren Mandanten identifizierten sich die Anwälte der Industrie, die unter Berufung auf die vermeintlich totalitäre Herrschaft Hitlers, gegen die Widerstand unmöglich gewesen sei, ihre Mandanten zu exkulpieren suchen.

    Dagegen war das Ziel der sogenannten „jungen Radikalen“, die Prozesse als Ganzes zu Fall zu bringen. Gerade für Anwälte wie Laternser und Otto Kranzbühler ging es um die Verteidigung einer bestimmten Lebensweise und Vorstellung von Gesellschaft, in der der Krieg als normales, eine Gesellschaft formendes Wesen verstanden wurde. Mit Rudolf Aschenauer und dem späteren bayerischen CSU-Innen­minister Seidl fanden sich zwei junge Berufsanfänger, die in einer Mischung aus beruflicher Profilierung, Radikalität und einem handfesten autoritär geprägten, überschießenden Nationalismus in einem gewissen Sinne in der Tradition „deutschnational“ geprägter Anwälte der Weimarer Republik verteidigten.

    Nach dem Ende der Nürnberger Prozesse waren es einige diese „jungen Radikalen“, die einer Generalamnestie das Wort redeten und zusammen mit „Kameraden­netzwerken“ ehemaliger hochrangiger NS-Beamter und anderen rechts­extremen Kreisen zu Beginn der sechziger Jahre den Versuch unternahm, eine Gegenbewegung zur „Ludwigsburger Verfolgungs­welle“ aufzubauen. Es bildeten einige Nürnberger „Veteranen“ durchaus ein „rechtes Gegenstück“ zu bekannten „Links-Anwälten“ wie Friedrich Karl Kaul.

    Es leisteten die Nürnberger Verteidiger, eine zentrale These dieser Arbeit, einen wichtigen Beitrag für die Demokratisierung und die Etablierung eines Rechts­staates in Deutschland. Dieser Beitrag bedeutet nicht zwangs­läufig eine positive Einstellung zur Strafverfolgung von NS-Tätern oder ist einer liberalen, rechts­staatlich orientierten politischen Haltung zuzuordnen. Indem aber die Nürnberger Verteidiger die Grenzen dessen ausloteten, ob und welches Verhalten im NS-Regime zu rechtfertigen war, erbrachten sie im Zusammenspiel mit den anderen Prozessakteuren bzw. als Mitwirkende in der gesellschaft­lichen Debatte um die Vergangenheit eine eigenständige Leistung für die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime.

  • Dr. Cristina Stanca-Mustea

    Carl Laemmle – A Transatlantic Mediator

    (Universität Heidelberg, Betreuer: Gassert)

  • Dr. Bernhard Sassmann

    Amerikanische Kultur(en) der Intelligence: Kulturelle Repräsentationen, öffentlicher Diskurs und militär­strategische Notwendigkeiten, 1914-1950

    (Gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung, Studien­abschlussstipendium der Landes­graduierten­förderung (LGF), Betreuer: Gassert)

    Das Dissertations­projekt untersucht inwieweit sich im Zusammenspiel nationaler Traditionen, Normen und Motivations­lagen, kultureller Repräsentationen der Geheimdienste in Literatur und Medien sowie der Praxis nachrichtendienstlicher Arbeit eine spezifisch amerikanische Geheimdienstkultur herausbildete. Kulturelle Repräsentationen der Geheimdienstarbeit in Zeitungen und Belletristik formten in der Entstehungs­phase der modernen amerikanischen Geheimdienste nicht nur die gesellschaft­lichen Vorstellungen von nachrichtendienstlicher Arbeit; im öffentlichen und fach­öffentlichen Diskurs konstruierte Konzepte und Perspektiven zu diesem neuen Militärzweig wirkten darüber hinaus, so die Forschungs­hypothese, auch direkt auf die Entwicklung eigenständiger Organisations­formen, Zielsetzungen und Reformanstrengungen der amerikanischen Geheimdienste zurück.

    Chronologisch fokussiert die Arbeit auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Zeit des Ersten Weltkrieges liegen die Ursprünge der modernen amerikanischen Militärgeheimdienste; in der Zwischenkriegszeit wurde Military Intelligence erstmals zum Gegenstand zahlreicher öffentlicher Publikationen und fach­wissenschaft­licher Studien. Die größten Entwicklungs­schübe erfuhren die militärischen Nachrichtendienststrukturen in den USA allerdings erst ab 1940. Noch vor Kriegseintritt versuchten die Vereinigten Staaten die sehr heterogenen Auslands­nachrichtendienste erstmals zentral im Office of the Coordinator of Information (ab 1942: Office of Strategic Services/OSS) zu bündeln und  erreichten dadurch binnen kurzem eine bemerkenswerte Professionalisierung und Ver­wissenschaft­lichung.

    Mit diesem Prozess ging eine äußerst kontroverse öffentliche Berichterstattung über den neuen Militärzweig einher. Dessen Methoden und Effizienz wurden dabei nicht selten auch unter moralischen Gesichtspunkten kritisiert und bisweilen auch als „unamerikanisch” abgelehnt.  Die grundsätzliche Notwendigkeit nachrichtendienstlicher Tätigkeit wurde dabei gleichzeitig jedoch selten bestritten. Auch das aufstrebende Genre der amerikanischen spy novels war zentraler Teil dieses Selbstverständigungs­prozesses in der amerikanischen Öffentlichkeit. Denn auch in der Belletristik zeichnete sich dieses spezifisch-amerikanische Spannungs­feld zwischen dem mutmaßlichen Imperativ klandes­tiner Tätigkeit angesichts äußerer Bedrohungs­lagen einerseits und dem Ideal demokratischer Offenheit andererseits deutlich ab.
    Diese zwiespältige Wahrnehmung von Intelligence spiegelte sich darüber hinaus auch im Diskurs des Fach­publikums wieder. Die Kommentare regulärer Soldaten und Offiziere in Fach­zeitschriften belegen ein weitreichendes Unverständnis für die neue Intelligence-Community in den USA und Skepsis gegenüber dessen „unmilitärischen” Methoden. Dass sich Geheimdienst-Offiziere einem ausgeprägten Rechtfertigungs- und Profilierungs­druck ausgesetzt sahen, manifestiert sich im selben Textkorpus vielfach in einer betont positiven Selbstdarstellung.
    Um nachweisbar zu machen, wie die Militär- und Auslands­nachrichtendienste der USA in ihrem nationalen, soziokulturellen Kontext diskursiv bewertet wurden und wie sich vor diesem Hintergrund ihre Außen- und Selbstwahrnehmung gestaltete, werden zwei verschiedene Diskursformen untersucht: Erstens öffentliche, durch Massenmedien und durch die zeitgenössische Populärkultur vermittelte Diskurse (Tageszeitungen; Magazine und zeitgenössische spy novels/spy movies); zweitens die Behandlung des Themas in der Fach­öffentlichkeit, mit Schwerpunkt auf der Militärpublizistik (militär­wissenschaft­liche Wochen- und Monatszeitschriften).
    In jeder dieser Diskursformen werden dabei drei herausragende Diskursthemen analysiert: Erstens der Stellenwert der Geheimdienste in Gesellschaft und Militär, zweitens die besonders in der Populärkultur stark personifizierten Sinndeutungen von Intelligence und drittens die nachrichtendienstlichen Er­kenntnisinteressen, Informations­quellen und Methoden. Durch die Analyse der drei wichtigsten thematischen Diskurse über die militärischen Nachrichtendienste in zwei verschiedenen Diskursformen, lässt sich für die Vereinigten Staaten somit eine Art  „footprint” der Intelligence-Kultur bestimmen.


    Laufende Habilitations­projekte

  • Dr. Maria Alexopoulou

    „Ausländer“ und „Deutsche“ – Rassistisches Wissen und die Transformation Deutschlands in eine Einwanderungs­gesellschaft

    Seit den 1960er Jahren setzte in Westdeutschland ein Prozess ein, in dem sich die Bundes­republik widerwillig und nur langsam von der Idee zu verabschieden begann, ein „Nichteinwanderungs­land“ zu sein: Ein Teil der als vorübergehende „Gäste“ verstandenen Arbeits­migrant*innen wurde sesshaft, ihre Familien zogen nach, hinzu kamen viele Menschen, die als Asylsuchende in die Bundes­republik migrierten. Das vorliegende Projekt untersucht gesellschaft­liche und politische Aushandlungs­prozesse der sozialen Konzepte „Deutscher“ und „Ausländer“ zwischen den 1960er und 1990er Jahren, in denen sich die Bundes­republik zu einer Einwanderungs­gesellschaft wandelte. Grundhypothese ist, dass die damit verbundenen Diskurse und Praktiken durch tradierte rassistische Wissensbestände geprägt waren, die in der Folge immer wieder reproduziert, aber auch transformiert und in Frage gestellt wurden.

    Rassismus ist ein diachrones Phänomen, das in unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Kontexten verschiedene Ausprägungen angenommen hat. Autoren wie Etienne Balibar und Stuart Hall postulierten in den 1980er Jahren einen “Rassismus ohne Rassen”: Zwar sei der Begriff ‚Rasse‘ aus öffentlichen Diskursen (zumindest in Europa) verschwunden, nicht aber das Phänomen Rassismus als Denkmuster und Praxis. Neue Begrifflichkeiten wie “Ideologien der Ungleichwertigkeit” oder auch Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit, die besonders in Deutschland gebräuchlich sind, verstellen dabei geradezu den Blick auf die historische Kontinuität des Phänomens Rassismus. Im Kontext meiner Studie möchte ich Rassismus nicht als Ideologie verstanden wissen, sondern als Komplex von Wissensbeständen, die in Institutionen, Strukturen, Alltags­praktiken und Denkmustern auch in der „Mitte der Gesellschaft“ eingeschrieben waren und noch sind und welche die Binarität von „Ausländer“ und „Deutscher“ konstituiert und lange stabilisiert haben.

    Die Untersuchung erfolgt anhand von drei Fall­studien:

    1. Die internen Diskurse der politischen Entscheidungs­träger und die Verwaltungs­praktiken rund um die Themen Einwanderung und Einbürgerung auf allen gouvernementalen Ebenen.
    2. Eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Bevölkerung in ihrem Bezug zu den „Ausländern“.
    3. Die Widerspiegelung dieser gouvernementalen und alltäglichen Diskurse und Praktiken bei den Migrant*innen sowie deren Selbstpositionierung zu Einwanderung und Einbürgerung.

    Ziel der Untersuchung wird es sein herauszuarbeiten, wie relevant diese Grenzsetzung der „Deutschen“ zu den „Ausländern“, wie sie durch die formaljuristischen Vorgaben stabilisiert wurde und auf der Alltagsebene lange dominierte, für die Entwicklung der Einwanderungs­gesellschaft Deutschland war, wo sich Zäsuren ergaben und wo Kontinuitäten bleiben. Die Antworten auf diese Fragen haben letztlich das Potential, eine Neu­bewertung des Weges der Bundes­republik in ein pluralistisches und demokratisches Staats- und Gesellschafts­gebilde nötig zu machen und damit ein neues „nationales Narrativ“ zu erfordern.


    Abgeschlossene Habilitations­projekte

  • Prof. Dr. Angela Borgstedt

    Badische Anwaltschaft und sozioprofessionelles Milieu in Monarchie, Republik und totalitärer Diktatur 1864-1945, Karlsruhe 2012 (=Schriften des Rechts­historischen Museums Karlsruhe 25)

  • PD Dr. Reinhild Kreis

    Selbermachen im Konsumzeitalter. Werte, Ordnungs­vorstellungen und Praktiken vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre.

    Ein Produkt als „selbstgemacht” zu erkennen und zu benennen, weckt höchst unterschiedliche Assoziationen. Je nach Kontext wird Selbstgemachtes als schön, hässlich, gesund, ungesund, modern, altmodisch, liebevoll oder lieblos usw. bewertet. In jedem Fall wird es abgegrenzt von Dingen, die auf andere Weise hergestellt wurden, insbesondere durch industrielle (Massen)Produktion. Hier setzt die Untersuchung an: Mit der Zunahme ge- und verbrauchs­fertiger Güter und den damit verbundenen wachsenden Wahl­möglichkeiten für Konsumenten entstanden neue Assoziations- und Sinnzusammenhänge, in denen die verschiedenen Optionen normativ aufgeladen waren. Wie das Selbermachen bewertet wurde, war dabei stets davon abhängig, wer unter welchen Bedingungen und aus welchen Motiven heraus etwas selber machte oder nicht. Mit den wachsenden Möglichkeiten, ob und durch wen etwas selbst gemacht wurde, standen zudem überkommene Wissensbestände und Fertigkeiten, Rollenbilder und Beziehungs­muster in Frage. Sie mussten neu definiert und legitimiert werden.

    Die Studie nimmt die Praktiken und die Thematisierung des Selbermachens als Ausgangspunkt, um nach Formen des Umgangs mit den Herausforderungen der modernen Konsum­gesellschaft zu fragen. Die „Verfügbarkeit der Dinge” in der Konsum­gesellschaft zog neue Konsumgewohnheiten nach sich, die jedoch erst ausprobiert und eingeübt werden mussten. Die damit verbundenen Aushandlungs­prozesse lassen sich anhand der Differenzierung zwischen Selbermachen/Nicht-Selbermachen exemplarisch nachvollziehen. Als gesellschaft­liche Selbstverständigungs­debatten zeigen sie, wie Ordnungs­vorstellungen, Wertehaltugen und Rollenerwartungen neu verhandelt wurden.

    Die Studie ist an der Schnittstelle mehrerer Forschungs­felder angesiedelt. Konsumgeschichte wird mit Alltags-, Bildungs-, Wissenschafts- und Geschlechtergeschichte verbunden. Ziel ist es, über die Praktiken und die Thematisierung des Selbermachens Formen des Umgangs mit den Herausforderungen der sich herausbildenden Konsum­gesellschaft in der Hochmoderne zu ermitteln. Um verschiedene Wege in die Konsum­gesellschaft deutlicher zu profilieren, werden die USA in einem asymmetrischen Vergleich systematisch in die Untersuchung einbezogen. Hier setzten die Entwicklung zur Konsum­gesellschaft früher und stärker ein, und als „Laboratorium der Moderne” waren die Vereinigten Staaten während des gesamten Untersuchungs­zeitraums Vor- und Gegenbild zugleich.

    Das „Selbermachen im Konsumzeitalter” wird exemplarisch für zwei zentrale Bereiche untersucht: 1. Heimwerken, und 2. Ernährung und Nahrungs­mittelzubereitung.

  • PD Dr. Stefan Paulus

    Die Repräsentation des Politischen. Politische Kommunikation und Selbstdarstellung zwischen Weimar und Bonn

    (Universität Augsburg, Vorsitz des Mentorats: Gassert).

    Kein historischer Zeitraum verdeutlicht die Paradoxie von Aufstieg und Fall demokratischer Ordnungen in so drastischer Weise wie das 20. Jahrhundert. In besonderer Form trifft diese Feststellung für die deutsche Geschichte zu. Flankiert von zwei Weltkriegen erlebten die Deutschen allein in den drei Jahrzehnten zwischen 1918 und 1949 vier politische Systemwechsel. Die deutsche und internationale Zeitgeschichtsforschung haben seit den 1950er Jahren ein breites Spektrum an politischen, wirtschaft­lichen, sozialen und kulturellen Faktoren herausgearbeitet, die für die Auflösung der Weimarer Republik und den nachhaltigen Erfolg der Bonner Demokratiegründung verantwortlich zeichnen. Der für die Stabilität eines demokratischen Systems nicht minder konstituierende Konnex von gesellschaft­licher Demokratieakzeptanz einerseits und öffentlicher Darstellung von Politik andererseits fand bislang jedoch kaum adäquate Beachtung. Das bestehende Forschungs-defizit verwundert insofern, als die öffentliche Wahrnehmung von Politik in modernen Massendemokratien entscheidend durch das zumeist medial vermittelte ,Bild‘ von Politik geprägt wird. Diese Form der politischen Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten erfüllt daher eine wichtige System stabilisierende bzw. bei defizitärer Ausprägung auch destabilisierende Funktion. Neben ihrem informativen Charakter meint politische Kommunikation zudem die Übermittlung sinnlich-emotional erfahrbarer Ausdrucksformen und Botschaften in Form von Bildern, Inszenierungen, Ritualen, Symbolen, Rhetoriken und Zuschreibungen. Speziell diese performative Dimension stiftet innerhalb einer politischen Ordnung Identität, Legitimität und Loyalität. Dies gilt in besonderem Maße für Phasen fundamentaler politischer Umbrüche, wie sie sich in Deutschland nach 1918 und nach 1945 vollzogen haben. In beiden Fällen stand die sich neu formierende politische Elite vor der zentralen Herausforderung, die durch die Erfahrungen von Monarchie und Krieg bzw. Diktatur und Krieg geprägte Bevölkerung von der Notwendigkeit eines demokratischen Wandels zu überzeugen.

    An dieser Stelle setzt das vorliegende Forschungs­projekt an. Es basiert auf zwei forschungs­leitenden Hypothesen: Die erste Hypothese geht davon aus, dass eine nur defizitär entwickelte öffentliche Selbstdarstellung von Staat und Politik entscheidend zur Auflösung der Weimarer Republik mit beigetragen hat. Wie die jüngsten Biographien zu den beiden Reichpräsidenten Friedrich Ebert und Paul von Hindenburg eindrucksvoll darlegen konnten, ließ die betont nüchterne und zurückhaltende Repräsentations­kultur des Weimarer Staates und seiner Protagonisten ein Legitimitäts- und Identifikations­vakuum entstehen, welches nach Eberts Tod – mit bekanntlich fatalen Folgen für die erste deutsche Demokratie – zunächst von der öffentlichkeits­wirksamen Selbstinszenierung des vermeintlich republikanischen ,Ersatz-kaisers‘ und ,Helden von Tannenberg‘ Hindenburg und wenig später von den Propaganda- und Inszenierungs­maßnahmen der Nationalsozialisten und ihres ,Führers‘ Adolf Hitler gezielt und mit großem Erfolg gefüllt werden konnte. Diese aus demokratiepolitischer Perspektive negative ,Weimarer Erfahrung‘, so die zweite Hypothese, schärfte nach der weltpolitischen Zäsur von 1945 innerhalb der politischen Elite der jungen Bundes­republik das Bewusstsein für die Bedeutung und Notwendigkeit einer modernen und effizienten politischen Selbst-darstellung und Öffentlichkeits­arbeit. Für diese Annahme spricht die Tatsache, dass so einflussreiche wie prominente politische Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Kurt Schumacher, Paul Löbe, Marie-Elisabeth Lüders, Hermann Ehlers oder Carlo Schmid wenigstens zwei Generationen angehörten, die beinahe sämtliche Systemwechsel seit Ende des Kaiserreichs mehr oder weniger bewusst durchlebt hatten, ja teilweise – wie im Falle Adenauers, Löbes oder Lüders – bereits vor dem Schicksalsjahr 1933 eine politische Funktion inne hatten. Aufgrund dieser jeweiligen generations­spezifischen Erfahrungen war sich das politische Spitzenpersonal der zweiten Republik nicht allein der mit einer öffentlichkeits­wirksamen politischen „Propaganda” und Selbstdarstellung verbunden Gefahren, sondern auch den damit einhergehenden demokratiepolitischen Chancen bewusst. Für sie stand außer Frage, dass der neuerliche Demokratieversuch durch eine im Vergleich zur Zwischenkriegszeit effizientere, d.h. in erster Linie systemstabilisierende Form der politischen Kommunikation begleitet werden müsse. Diesem Ansinnen entsprach beispielsweise der vergleichsweise medienwirksame, oftmals bewusst symbolisch aufgeladene und zugleich autoritäre Regierungs­stil des ersten Bundes­kanzlers, dem es laut eines Artikels in den Frankfurter Heften aus dem Jahre 1951 erfolgreich gelungen sei, den obrigkeits­hörigen „Hindenburg-Deutschen” mit der demokratischen Staats­form auszusöhnen.

    Unter Berücksichtigung der Gegebenheiten in der Weimarer Republik besteht das Hauptziel des Forschungs­vorhabens darin, zu analysieren, inwieweit diverse generations­spezifische Erfahrungen mit dem Scheitern der Weimarer Republik in der Gründungs- und Konsolidierungs­phase der Bundes­republik bei den damaligen politischen Eliten einen empirisch nachweisbaren Lernprozess ausgelöst haben und welche konkreten Methoden bzw. Strategien medialer Politikvermittlung und politischer Öffentlichkeits­arbeit auf dieser Er­kenntnisbasis mit dem Ziel der Systemstabilisierung bzw. -konsolidierung entwickelt wurden. Folgende Themen­bereiche und Untersuchungs­schwerpunkte stehen im Zentrum der vergleichend angelegten Studie:

    Repräsentation der Verfassungs­organe (Reichspräsident/Bundes­präsident; Reichskanzler/Bundes­kanzler; Reichstag/Bundestag).
    Kommunikation als politische Bildung (Reichszentrale für Heimatdienst/Bundes­zentrale für politische Bildung; Reichspresseamt/Bundes­pressamt)
    Staats­symbolik, Zeremoniell, Protokoll
    Biographische Pfade von Weimar nach Bonn (Marie Elisabeth Lüders, Paul Löbe, Hermann Ehlers, Otto Lenz)

    Das Projekt versteht sich somit als zeithistorischer Beitrag zu einer ,Kulturgeschichte des Politischen‘ (Barbara Stollberg-Rilinger).

  • Prof. Dr. Edith Raim

    Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Der Wiederaufbau der Justiz in den Westzonen unter alliierter Aufsicht und die Ahndung von NS-Verbrechen 1945-1949/50

    (Universität Augsburg, Vorsitz des Mentorats: Gassert)

    Obwohl sich die Geschichts­wissenschaft über Jahrzehnte intensiv mit der alliierten Besatzungs­herrschaft von 1945 bis 1949 beschäftigt hat, gibt es überraschenderweise dennoch unbearbeitete Themen. Dazu gehört auch die Geschichte des Wiederaufbaus der deutschen Justiz in den Westzonen und ihre Ahndung der NS-Verbrechen. Tatsächlich haben Forscher immer wieder versucht, sich diesem Gegenstand zu nähern, mußten jedoch an der abschreckenden Quellensituation scheitern. Die einschlägige Überlieferung bei Länder­justiz­ministerien, Generalstaats­anwaltschaften oder Oberlandes­gerichten ist vielfach außerordentlich dürftig, teils auch inexistent. Einen lebhaften Eindruck dieses Mangels gab bereits der erste nordrheinwestfälische Justiz­minister, der bekannte, sein ganzes Ministerium habe in seine Aktentasche gepaßt. Warum sollte es nun ausgerechnet den Projektbearbeitern im Institut für Zeitgeschichte bei der Suche nach Quellen anders gehen?

    Dank der großzügigen Förderung des Projekts durch das Auswärtige Amt konnte die sogenannte Gegenüberlieferung in großem Maße erschlossen werden. In den Archiven der westlichen Alliierten sind reichliche, bisher für die deutsche Justizgeschichte völlig ungenutzte Aktensammlungen vorhanden. Für die Rekonstruktion der Neuanfänge der Justiz in Westdeutschland wurde daher auf die Unterlagen der westlichen Alliierten zurückgegriffen, die sich in den National Archives in den USA und in Großbritannien sowie in den Archives de l’Occupation Française en Allemagne et en Autriche in Colmar befinden.

    Jede westliche Militärregierung hatte eine Rechts­abteilung und bei jeder dieser Rechts­abteilungen gab es ein Referat, das sich nur mit der deutschen Justiz befaßte. Angehörige dieser Einheiten führten Inspektions­reisen zu den deutschen Gerichten durch und legten ihre Eindrücke in teils überaus detaillierten Berichten nieder, die es ermöglichen, die Ausgangssituation der deutschen Justiz zu skizzieren. Gleichzeitig sind diese Rapporte interessante Dokumente der interkulturellen Kommunikation wie des immateriellen Kulturtransfers hinsichtlich alliierter Rechts­konzeptionen.

    Der Aufbau eines funktionierenden deutschen Rechts­wesens stellte eine große Herausforderung sowohl für die deutsche Justizverwaltung als auch die westlichen Alliierten dar. Die westlichen Alliierten sahen sich dem Problem gegenübergestellt, daß einerseits nach der Willkürjustiz des Dritten Reichs die Kontrolle der deutschen Justizbehörden bitter nötig schien, anderseits zum Aufbau eines Rechts­staats die Unabhängigkeit der Justiz respektiert werden mußte.

    Nach der Schließung der deutschen Gerichte bei Kriegsende durch die Alliierten und der Abschaffung diverser NS-Gerichte nahmen bereits im Sommer 1945 die ersten deutschen Amts- und Landgerichte ihre Tätigkeit wieder auf. Die materiellen Bedingungen des Wiederaufbaus für die Justiz spotteten oft jeder Beschreibung, so daß Gerichte buchstäblich in den Trümmern hausten. Das größte Problem aber stellte das deutsche Justizpersonal dar, das durch die Beteiligung an der Willkürjustiz des Nationalsozialismus jenseits aller Rehabilitierung kompromittiert war. Obwohl Amerikaner, Briten und Franzosen einer mehr oder weniger identischen Personalsituation gegenüberstanden, war ihr Umgang mit der deutschen Justizverwaltung doch sehr unterschiedlich. Die Amerikaner waren zumindest anfangs am unerbittlichsten, was die Entnazifizierung anging und holte vielfach bereits vor 1933 aus Altersgründen pensionierte Staats­anwälte und Richter in den Dienst zurück, so daß die Justizverwaltung in Teilen einem Seniorenheim glich. Die strenge amerikanische Entnazifizierungs­politik stieß allerdings an ihre Grenzen, als kaum mehr unbelastete Staats­anwälte und Richter gefunden werden konnten, gleichzeitig aber eine Vielzahl von Fällen abgeurteilt werden sollte. Die Briten und Franzosen waren dagegen deutlich weniger ehreizig in ihren Säubungs­bestrebungen und beschränkten sich darauf, zuverlässige Personen in Führungs­positionen zu holen.

    Ein Problemkomplex, der die alliierten Militärgerichte und die deutsche ordentliche Justiz in vieler Hinsicht einte, war die Ahndung von NS-Verbrechen. Vor den Gerichten der Alliierten wurden die völkerrechtlich relevanten Straftaten verhandelt, die von Deutschen an alliierten Opfern begangen worden waren, also insbesondere während des Krieges. Für die Verbrechen, die von Deutschen an anderen Deutschen bzw. Staatenlosen verübt worden waren, sollten deutsche Gerichte zuständig sein. Doch auch hier unterschieden sich die westlichen Alliierten in ihrem Vorgehen. Während die britische und die französische Besatzungs­macht den deutschen Gerichten erlaubte, das Kontrollratsgesetz Nr. 10 anzuwenden, in dem u.a. der Straftatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit festgelegt war, beschloß die amerikanische Militärregierung, die deutschen Juristen dazu nicht zu ermächtigen, so daß in der amerikanischen Zone lediglich das Strafgesetzbuch zur Anwendung kam. Diese unterschiedliche Handhabung des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 führte zu großen Differenzen in der Strafverfolgung zwischen den Zonen und zu lebhaften juristischen Kontroversen. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus stellte die deutsche Justiz vor bislang unbekannte Fragen, von denen wohl die schwierigste war, ob und wie das Unrecht des Dritten Reiches mit den Mitteln des Rechts­staates geahndet werden konnte.

    Nie wieder sollte soviel ermittelt werden wie in den Jahren der Besatzungs­herrschaft, da jede der in Westdeutschland existierenden Staats­anwaltschaften mit der Aufklärung von NS-Verbrechen befaßt war. Allein in den Zeitraum 1945 bis 1949 fallen über 13.000 eingeleitete Ermittlungs­verfahren und Prozesse, die dank der am IfZ entstandenen Datenbank erstmals vollständig erfaßt wurden. Westdeutschland ist häufig der Vorwurf einer verspäteten Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gemacht worden. Diese Kritik kann allerdings nur derjenige erheben, der die frühen Ahndungs­bestrebungen ignoriert. Gerade weil es diese Vielzahl früher Prozesse gab, konnte sich die (irrige) Vorstellung breit machen, es sei – von alliierter und deutscher Seite – bereits alles aufgeklärt.

    Der norwegische Sozial­wissenschaft­ler Jon Elster, der sich mit den Merkmalen der sogenannten transitionalen oder Übergangs­justiz beschäftigt hat, definiert als ihre herausragenden Charakteristika Gerichts­verfahren, Säuberungen und Reparationen. Für einen kurzen Moment in der Geschichte, als es das Dritte Reich nicht mehr und die Bundes­republik noch nicht gab, fand all dies gleichzeitig in Deutschland statt: die strafrechtlichen Prozesse vor dem Internationalen Militärgerichtshof, den Militärtribunalen der Alliierten in ihren Zonen und den deutschen Gerichten, Entnazifizierung, sowie der Beginn von Restitution und Entschädigung. Es ist vielleicht eine Ironie der Geschichte, daß von all diesen erwähnten Mitteln zur „Vergangenheitsbewältigung” es gerade die deutschen NS-Prozesse jener Jahre sind, die am stärksten in Vergessenheit geraten sind.