Fotogalerie Exkursionen

Mediävistik im Studium

Wenn Sie mit der deutschen Sprache vertraut sind und Germanistik studieren, dann rechnen Sie vielleicht damit, dass Ihnen Ihr Forschungs­gegenstand seltener Rätsel aufgeben wird, als wenn Sie beispielsweise eine Fremdsprache studieren würden. Aber was, wenn Sie die deutsche Sprache und Literatur noch einmal völlig neu entdecken wollen?

Die Auseinandersetzung mit älteren Sprach­stufen des Deutschen – vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit – gibt Ihnen genau diese Möglichkeit: Sie werden einer Sprache begegnen, die Sie einerseits gut kennen und die Sie andererseits zum Staunen bringen wird. Sie werden in die Rolle von jemandem schlüpfen, der die deutsche Sprache gerade erst neu erlernt, wenn Sie mit vergessenem Vokabular, ungewöhnlichen Schreibweisen und fremdartigen Flexionsformen konfrontiert werden. Gleich­zeitig wird Ihnen bei der Auseinandersetzung mit vormoderner Literatur immer wieder auffallen, wie häufig sich in den vergangenen 1200 Jahren Idealvorstellungen von Geschlechterrollen, Liebe und Freundschaft, Migration und Integration usw. verändert haben. Vor diesem Hintergrund werden Sie auch scheinbar selbstverständliche Annahmen über die Gegenwart in einem neuen Licht betrachten und kritisch hinterfragen können. 

Kurzum: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der deutschen Sprache und der deutschsprach­igen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit wird Ihnen eine ganz besondere Form der Begegnung mit dem Unbekannten im Bekannten bescheren – eine Erfahrung, an die Sie überall in ihrem Berufs- und Privatleben anknüpfen können, wenn es darum geht, die Vorstellungen einer Kultur, mit der Sie eng vertraut sind, mit neuen Perspektiven in Berührung zu bringen.

Studien­inhalte

Im Studium werden Sie sich – neben dem Über­blickswissen zur Geschichte der deutschen Sprache(n) und dem literatur­geschichtlichen Grundwissen für die Epochen Mittelalter und Frühe Neuzeit, das Sie im Rahmen des Einführungs­moduls erwerben – u. a. mit folgenden Themen befassen:

  • Medienwandel in der Vormoderne (u. a. Auslöser und Aus­wirkungen der Etablierung des Buchdrucks, gesellschaft­licher Stellenwert der Lese­fähigkeit und der Literatur­rezeption, strukturelle Parallelen zwischen Medienwandel-Phänomenen in der Vormoderne und in der Gegenwart)
  • Analyse von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten aus verschiedenen theoretischen und methodischen Perspektiven (u. a. Gender Studies, intersektionale und postkoloniale Theorien)
  • Bedingungen von Literatur­produktion und -rezeption in der Vormoderne (u. a. Mäzenatentum, Buchherstellung, literarischer Markt, Autor*innen und Leser*innen, Performanz)
  • Vielfalt der Literatur und Sprache im deutschsprach­igen Raum über das Mittelhochdeutsche hinaus (u. a. jiddische, frühneuhochdeutsche o. niederdeutsche Literatur)
  • Kritische Reflexion der Zugänglichmachung von (mittelalterlicher) Literatur (u. a. Bewusstsein für die Vorarbeiten und Interpretations­leistungen, die bei der Erstellung von Editionen und Über­setzungen anfallen, Arbeit mit unübersetzten und nicht edierten Texten, Anfertigen von Über­setzungen, editions­philologische Projektarbeiten)

Projekt­basiertes Arbeiten und Exkursionen

Gerade für die Arbeit mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Texten spielt deren Materialität und Über­lieferung eine große Rolle: Ob ein Text nur in einer einzigen Handschrift überliefert ist, ob es mehrere voneinander abweichende Textzeugen gibt, ob ein Text im Buchdruck vervielfältigt wurde und ob die überlieferten Textzeugen vollständig sind, spielt für die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Text eine wichtige Rolle. Die Über­lieferungs­lage ist nicht nur im Hinblick auf den Textbestand von Interesse, sondern regt auch zur Reflexion über die Frage an, welche Literatur als erhaltenswert oder kanonisch erachtet wurde und wird.

Damit dieser wichtige Aspekt für die Erforschung vormoderner Literatur auch im Rahmen des Studiums nicht zu kurz kommt, bieten wir – sowohl im Rahmen von Seminaren als auch als freiwillige Zusatz­veranstaltungen – regelmäßig Exkursionen an. Diese reichen von einem kurzen Besuch in der Handschriftenabteilung einer Bibliothek, bei dem die Materialität mittelalterlicher Handschriften hautnah erlebt werden kann, bis zu Projektseminaren, die sich der Erschließung bisher nicht edierter mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Quellen widmen.

Neben einem wechselnden seminar­spezifischen Exkursions­programm findet im Rahmen des Einführungs­kurses jährlich eine Exkursion in die Handschriftenabteilung der UB Heidelberg statt. Im Rahmen der Pro- und Hauptseminare zu jiddischer Literatur spielen Genisot (religiöse Aufbewahrungs­stätten für zerlesene Texte) eine besondere Rolle, bei deren Bergung häufig frühneuzeitliche Druckfragmente in großer Zahl gefunden werden. Regelmäßig bieten wir Tagesausflüge zum Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim an, in dem Genisafunde aus Franken aufbewahrt werden. Eine Möglichkeit zur intensiveren Auseinandersetzung mit jiddischen Quellen bieten die Projektseminare, die in Kooperation mit dem Museum und der Alten Synagoge Hagenow stattfinden. Dort gibt es im Rahmen einer mehrtägigen Exkursion die Möglichkeit zur philologischen Arbeit mit Textfunden aus der Hagenower Genisa.



Lehr­veranstaltungen (HWS 2026)

Poster mit Informationen zu Zeiten und Räumen her­unter­laden (PDF, 809 kB)

Vorlesung:

  • Weltverachtung und -entsagung in der mittelalterlichen Literatur (PD Dr. Beatrice von Lüpke)

Kolloquium:

  • Kolloquium für Bachelor- und Master­studierende (Prof. Dr. Astrid Lembke)

Hauptseminare:

  • Von, für und über Frauen: Gibt es eine mittelalterliche Frauenliteratur? (PD Dr. Beatrice von Lüpke)
  • Literarische Wertung und Kanonbildung in der Mediävistik (PD Dr. Beatrice von Lüpke)

Proseminare:

  • Wortgefechte – Poetische Konfliktinszenierungen im Sangspruch (Dr. Ina Spetzke)
  • Side-Quest oder Âventiure? Äquivalente (Erzähl-)Strukturen in digitalen Spielen und im höfischen Roman (Lisa Starogardzki, Johannes Teschner)
  • Parzival (Dr. Joachim Franz)
  • Walther von der Vogelweide: Sangsprüche und Lieder (PD Dr. Beatrice von Lüpke)

Das vollständige Vorlesungs­verzeichnis der Germanistik finden Sie im Portal2  unter „Studien­angebot" > „Vorlesungs­verzeichnis anzeigen" > „Philosophische Fakultät" > „Deutsche Philologie" > „GER 000 Vorlesungs­verzeichnis Germanistik“

Studierende sitzen in einem kleinen Hörsaal.
Gastvorträge

Mehr Informationen zu Gastvorträgen und sonstigen Veranstaltungen finden Sie unter „Aktuelles“. 


Leitfaden zur Anfertigung von Haus- und Abschlussarbeiten