Neuedition von Lamberts »Monatsbuch«

Im März 2020 ist nach zwölfjähriger Editions­arbeit als Supplementband zu den »Philosophischen Schriften« erschienen:

Johann Heinrich Lamberts Monatsbuch

Neu herausgegeben, eingeleitet, kommentiert und mit Verzeichnissen zu Lamberts Schriften, Briefen und nachgelassenen Manuskripten versehen von Niels W. Bokhove und Armin Emmel, Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms 2020.1

Das Manuskript des sogenannten »Monatsbuchs« umfasst 18 meist beidseitig beschriebene Blätter. Lambert hat darin von 1752 bis zu seinem Tod seine wissenschaft­lichen Beschäftigungen, gelegentlich auch Lektüren, Reisen und andere biografische Ereignisse monatsweise notiert. Es ist der einzige Text aus Lamberts Feder, in dem sich die gesamte Bandbreite seines Denkens und Schaffens darstellt und der Einblick in die Entstehung seiner wichtigsten Publikationen gewährt. Seine Bedeutung für ein angemessenes Verständnis von Lamberts Leben und Werk ist früh erkannt worden, und Karl Bopp hat das Manuskript, nachdem der verschollene Lambert-Nachlass wiederentdeckt worden war, 1915 als erste Veröffentlichung aus diesem Nachlass (sieht man von den beiden von Georges Rémy zum Druck gebrachten kurzen poetischen Texten, L1910.01, ab) ediert.2

Wir haben die Handschrift noch einmal neu gelesen und konnten Bopps Text an zahlreichen Stellen verbessern. Die verschiednen Arten und das Gewicht dieser Korrekturen sind in den Paragrafen 3–6 von Teil 2 der Einleitung erläutert. Da das Interesse an diesen Aufzeichnungen Lamberts aber kaum in erster Linie ein philologisches sein dürfte, haben wir der bequemen Benutzbarkeit von Text und Kommentar halber auf einen kritischen Apparat verzichtet, der die Abweichungen unserer Lesung von der Erstausgabe im Einzelnen verfolgen würde. Stattdessen bieten wir an dieser Stelle einen vollständigen Scan der Erstausgabe an, sodass jeder Leser bei Bedarf rasch unseren Text mit dem Bopps vergleichen kann. Zudem ist Bopps Kommentar zu mathematischen Arbeiten Lamberts – Karl Bopp war Mathematiker – durch unsere Neukommentierung, wie in Einleitung Teil 2, § 8, dargelegt – nicht restlos überholt. Der mathematikgeschichtlich interessierte Leser wird daher gelegentlich die Originalanmerkung Bopps, auf die wir im Kommentar immer verweisen, konsultieren wollen.

Schon Bopp hatte es für zweckmäßig gehalten, Lamberts Aufzeichnungen eine Übersicht über die erhaltenen Manuskripte (das sogenannte ›Herderinventar‹) beizufügen, schon deshalb, weil er bereits zu vielen Einträgen ein Nachlassmanuskript angeben konnte. Wir fügen dem Text einen möglichst vollständigen Katalog aller zugänglichen Lambert-Handschriften bei, also einschließlich des Bestandes im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und mit einer globalen Beschreibung der Lambert-Papiere im Nachlass van Swinden an der Koninklijke Bibliotheek Den Haag. Der Katalog des bei weitem umfangreichsten Bestandes an der Universitäts­bibliothek Basel beruht auf dem 1951 von Max Steck erstellten Verzeichnis, das die UB 1977 in komprimierter Form als Hektografie publiziert hat (vgl. Einleitung, Teil 2, §§ 11–13). Während Bopp sich auf die Bandaufteilung und Seitenzählung der damaligen Gothaer Manuskriptkodizes bezieht, verweisen wir natürlich jeweils auf die von Steck eingeführten Manuskriptnummern und die Band- und Seitenzahlen der gegenwärtigen Struktur der Baseler Lambertiana.

Der Edition sind weitere Verzeichnisse zu Lamberts Schaffen beigegeben, so erstmals ein detaillierter Katalog der erhaltenen Briefe und als separater Teil der Primärbibliografie ein auf der Basis von Max Stecks Vorarbeiten erstelltes Verzeichnis von Lamberts Rezensionen, das seine Beiträge zur »Allgemeinen Deutschen Bibliothek« nun endlich vollständig erfassen dürfte (s. zur Ermittlung der Besprechungen Lamberts und zur Klärung seiner Autorschaft Teil 2 der Einleitung, §§ 30–36).

Der Lambert-Kenner Roger Jaquel hatte in Bopps Erstausgabe ein Sachregister vermisst – auch wir können das Monatsbuch nicht in dieser Form erschließen (über die Gründe informiert § 5 in Teil 1 der Einleitung). Seine Stelle vertritt ein durchsuchbarer Reintext unserer Lesung, den wir hier zusammen mit einer SHA-256-Prüfsumme anbieten.3 Dringend zu beachten ist, dass dieser Text die Edition in keiner Weise ersetzt, eben weil er ausschließlich im Hinblick auf gute elektronische Durchsuchbarkeit aufbereitet ist: Die Abkürzungen sind aufgelöst, die Ergänzung ist aber nicht mehr kenntlich gemacht, der von Lambert gestrichene Text fehlt, Hervorhebungen des Textes und sonstige Markierungen sind nicht wiedergegeben, die Jahres- und Monatsangaben wurden normiert. Ohne den Supplementband ist die Textdatei nicht zu gebrauchen, für ihn stellt sie u.E. ein weiteres sehr nützliches Erschließungs­mittel dar.

Einen detaillierten Überblick über alles, was der Supplementband zu bieten hat, gewährt natürlich sein ausführliches Inhaltsverzeichnis. Die einzelnen Teile sind kurz dargestellt auf der Homepage von Armin Emmel.4

Hier auf der Homepage der ehemaligen Arbeits­stelle werden wir ein Verzeichnis der Corrigenda des Supplementbands pflegen, das vermutlich rasch einen gewissen Umfang gewinnen wird. Wir bitten alle Leser, uns diejenigen Fehler, die sie bei der Benutzung des Bandes feststellen, mitzuteilen!


1. Wir widmen den Band dem Andenken an den elsässischen Lambert-Forscher Roger Jaquel (1907–1995), an den Philosophiehistoriker und Phänomenologen Karl Schuhmann (1941–2003) und unserem ehemaligen Kollegen an der Arbeits­stelle, Axel Spree (1963–2016).

2. Im Druck ist das Monatsbuch ungefähr gleichzeitig mit Bopps Ausgabe der Abhandlung vom »Criterium veritatis« (Kant­studien Ergänzungs­hefte 36, Berlin 1915, L1915.01 in unserer Primärbibliografie) erschienen. Aus dem Vorwort zur letzteren Edition (S.4) geht aber hervor, dass Bopp erst während der Arbeiten an der Monatsbuch-Publikation begann, auch an die Ausgabe des Criterium veritatis zu denken. Entsprechend datiert dieses Vorwort (S.5) »im September 1915«, während die Monatsbuch-Edition (L1915.02) der Bayerischen Akademie schon am 5. Dezember 1914 (s. die Abbildung des Titelblatts) vorgelegt worden war.

3. Wir bitten die Benutzer, diese Datei nicht selbst weiter zu verbreiten, sondern bei Bedarf auf diese Seite hinzuweisen oder zu verlinken.

4. Der Lambert-Forscher findet dort auch eine durchsuchbare Textdatei mit den Einträgen des Versteigerungs­katalogs von Lamberts Nachlass: »Verzeichniß der Bücher und Instrumente, welche der verstorbene Königl. Ober-Baurath und Professor Herr Heinrich Lambert hinterlassen hat, und die den Meistbiethenden sollen verkauft werden […] Das Verzeichniß wird von dem französischen Gerichtsdiener Maire ausgegeben.« Berlin 1778. Gedruckt mit Winterschen Schriften. – Mittelfristig sind auch ein Tagging der Monatsbucheinträge nach Disziplinen, eine weitere Korrektur und Ergänzung der Textversion des Versteigerungs­katalogs und die Einarbeitung von mehr Verweisen auf den Monatsbuch-Kommentar und die Verzeichnisse des Supplementbandes geplant.