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Aktivitäten

„Berge der Barmherzigkeit“

Veröffentlichung von Tanja Skambraks und Annette Kehnel im Magazin der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (forschung, 3–4/2022)

Tanja Skambraks und Annette Kehnel beschreiben in ihrem Artikel mit dem Titel „Berge der Barmherzigkeit“ am Beispiel der Monti di Pietà frühe Formen nachhaltigen Handelns. In diesem Rahmen stellen sie auch das DFG-Projekt „Kleinkredit und Markt­teilhabe“ vor, das quellen- und alltagsnah unter anderem die Geschichte und Praxis des Kleinkredits im Italien des Spätmittelalters rekonstruiert. Diese Finanz­spritzen hatten jedoch nichts mit Almosen zu tun, sondern mit der Kultur gut organisierter Pfandleihbanken.

Den Beitrag finden Sie hier.

IMC Leeds 2021, 5.-9.7.2021

Inventories and Last Wills as Sources for Credit Activities and Credit Networks in Late Medieval London and German Hanseatic and Lower Rhine Cities

8. Juli 2021, 10:00 Uhr – Session 1524: Inventories and Last Wills as Sources for Credit Activities and Credit Networks in Late Medieval London and German Hanseatic and Lower Rhine Cities

Sponsor: Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG): Projekt Kleinkredit und Markt­teilhabe

  • Markus Schniggendiller: Inventories and Wills as Complementary Sources for the Credit Activities of St Paul's Canons
  • Monika Gussone: Credit Practices and Credit Networks in Late Medieval Lower Rhine Cities as Apparent in Inventories and Testaments
  • Hiram Kümper: Private Debt and Credit Networks in Hansa Cities: The Value of Last Wills

Mit dem Fokus auf Nordwesteuropa (Nordwestdeutschland, England) rückten die Mitglieder des DFG-Forschungs­projekts „Kleinkredit und Markt­teilhabe“ im Rahmen des IMC Leeds (International Medieval Congress Leeds) die Allgegenwärtigkeit von Kredit in vormodernen Gesellschaften in den Mittelpunkt. Im Rahmen der Sektion wurde der Quellenwert von Testamenten und Inventaren bezüglich Informationen zu Kreditbeziehungen und -praktiken diskutiert.

Der Tod war die ideale Möglichkeit zur Neuverhandlung von Kreditbeziehungen und für den Ausgleich von Schulden. Dies verdeutlichen Testamente, eine Quellengattung, die mehr über Kredite offenlegt, als zunächst zu erwarten ist. Eine äußerst wertvolle Entdeckung, denn der Mangel an Quellen ist traditionell eines der größten Probleme bei der Erforschung mittelalterlicher Kleinkredite. Diese wurden häufig informell vergeben und somit selten von pragmatischer Schriftlichkeit erfasst oder deren Dokumentation wurde nach der Rückzahlung direkt zerstört. Testamente und Inventarlisten liefern einerseits Informationen über derartige informelle Kredite, andererseits gewähren sie Einblick in soziale und ökonomische Beziehungen sowie Kredit­praktiken. Ihr Auswertungs­potential für die Erforschung mittelalterlicher Kreditbeziehungen war das Thema der drei Beiträge, die sich alle von einer unter­schiedlichen Perspektive den Quellen näherten. Alle Vortragenden demonstrierten den Wert dieser Quellen anhand materialgesättigter Studien. Der erste Vortrag zeigte, wie Inventare als ergänzende Quelle zu anderen Quellenarten, wie Gerichtsprotokollen, verwendet werden können. Die folgende Präsentation demonstrierte, wie Kredit­praktiken mithilfe von Inventaren und Testamenten rekonstruiert werden können. Im letzten Beitrag wurde schließlich thematisiert, wie das Auswertungs­potential seriell überlieferter Testamente für die mögliche Erforschung von Kredit­netzwerken abgerufen werden kann.

Ergänzend zu einer Vielzahl überlieferter Gerichtsakten des Court of Common Pleas ermöglichen Testamente und Inventarlisten einen weitaus tieferen Einblick in die Kreditaktivitäten des Klerus von St. Paul´s, wie MARKUS SCHNIGGENDILLER zunächst deutlich machte. Anhand des Testaments eines Londoner Bischofs aus dem 14. Jahrhundert veranschaulichte er unter­schiedliche Praktiken der Kreditvergabe und legte dar, dass Personen mit einem hohen sozialen Status nicht nur als Gläubiger, sondern auch als Schuldner Teil der Kredit­netzwerke waren. Ferner enthüllte er mittels der Inventarliste des Haushalts von Helen Walssh, der Witwe eines Schiffers, Kreditbeziehungen zwischen den Kanonikern von St. Paul´s und den Ärmsten der Londoner Bevölkerung.

MONIKA GUSSONE nutzte in ihrem Vortrag die Testamente und Inventare aus niederrheinischen Kleinstädten für die Rekonstruktion von Kredit­praktiken. Nachlassinventare lassen dabei manchmal die Kreditbeziehungen eines Verstorbenen und seines Ehe­partners zum Zeitpunkt des Todes vollständig erkennen. Die Namen aller Kredit­partner werden genannt und überdies wird nahezu das gesamte mobile Vermögen einer Person aufgeführt. Auch Testamente, die am Lebens­ende verfasst wurden, lassen nicht selten zahlreiche Kreditbeziehungen erkennen. Der Tod eines Menschen war ein naheliegender Zeitpunkt zur Neuverhandlung von Kreditbeziehungen und für den Ausgleich von Schulden. Doch hatte die Begleichung der Schulden zu Lebzeiten erkennbar keine hohe Priorität. Diese Aufgabe wurde den Erben überlassen oder im Testament festgelegt.

Im Anschluss daran kam HIRAM KÜMPER unter anderem auf gängige Praktiken in Testamenten verschiedener Hansestädte zu sprechen. Teils befreiten Erblasser Debitoren von ihren Schulden, teils verfügten sie deren Rückzahlung an einen der Erben oder an eine kirchliche Institution. Kümper betonte in seinem Vortrag einen entscheidenden Vorteil von Testamenten und Inventarlisten: Sie geben Auskunft über informelle Kredite, deren Höhe meist sehr gering ausfiel und die vielfach an Familien­mitglieder vergeben wurden. Daher werden sie selten in Notariatsregistern o.ä. erwähnt, sind jedoch ausschlaggebend zur Erforschung von Dynamiken vormoderner Gesellschaften. Die Anwendung digitaler Methoden zur Erforschung großer Datenmengen könnte sich dabei als hilfreiches Werkzeug herausstellen.

Kombiniert mit weiteren Quellengattungen liefern Testamente und Inventarlisten wesentliche Informationen zu den sozialen und wirtschaft­lichen Beziehungen von Menschen des Spätmittelalters und erlauben so tiefgehende Einblicke in das mittelalterliche Kredit­verhalten. Menschen aller Bevölkerungs­schichten waren sowohl als Schuldner als auch als Gläubiger in den Kredit­netzwerken zu finden – Kredit war allgegenwärtig. Dies zeigen nicht zuletzt die drei Vorträge der Sektion “Inventories and Last Wills as Sources for Credit Activities and Credit Networks in Late Medieval London and German Hanseatic and Lower Rhine Cities” des diesjährigen IMC Leeds.

International conference at the Heidelberg Academy of Sciences, 28.-30.10.2019

Change and Trans­formation of Premodern Credit Markets: The Importance of Small-scale Credits

This interdisciplinary conference focused on the development of credit markets to mobilize large amounts of capital in the medieval and early modern period. It combined both economic and historical research for investigating premodern credit practices. The proceedings of the conference will be published by HeiBooks in 2021.

The program of the conference can be found here.

A conference report is published at h-soz-u-kult.

Workshop „The Materiality of Debt“ am DHI London, 29.11.-30.11.2018

Der Workshop in London widmete sich einem Teilaspekt des laufenden Projektes, nämlich der Materialität von Schulden. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Materialität der Quellen und deren Handhabung für die Erforschung von Kredit- und Schuldbeziehungen; die Beiträge beschäftigten sich mit vielfältigen Aspekten der Kreditgeschichte.

Die Keynote „Village Credit in England, 13th-15th centuries“ wurde von Chris Briggs (Cambridge) gehalten und führte die Problematik der Über­lieferung für mittelalterliche Kleinkredite am Beispiel der Manor Court Rolls in England vor Augen. Der Vortrag von Briggs zeigte eindrucksvoll, dass trotz der schwierigen Quellenlage für den ländlichen Raum und den wenigen erhaltenen Quellen, den Manor Court Rolls, die Erforschung ländlicher Kleinkredite möglich ist. Die Ergebnisse zeigten eindrucksvoll wie stark ländliche Gebiete schon im Mittelalter vom Kreditprinzip durchdrungen waren.

Der Vortrag von Stephan Köhler (Mannheim) „New Sources for Old Stories – The Materiality of Borrowing and Lending Money in Tyrol during the 13th and 14th Centuries“ befasste sich mit der Frage nach der Bedeutung der Erforschung vormoderner Kredit­praktiken für wirtschafts­historische Diskurse. Anhand der Kreditwirtschaft im mittelalterlichen Tirol wurde gezeigt, wie unter­schiedliche Quellen zur Kreditwirtschaft (Notariatsimbreviaturen, Raitbücher, Gerichtsakten, Versatzscheine von Pfandleihern) unter­schiedliche Aspekte vormodernen Wirtschaft­ens dokumentieren und belegen somit die Vielseitigkeit mittelalterlicher Kreditmärkte.

Markus Schniggendiller (Mannheim) präsentierte erste Ergebnisse zu seinem Forschungs­projekt „Credit Networks and financial Involvement of the Clerics of St Paul`s Cathedral" , dem die Erforschung des Wirtschaft­ens des Klerus der St. Pauls Kathedrale im Spätmittelalter zugrunde liegt. Gerade diese umfangreichen Kreditgeschäfte der Kanoniker der Metropole London wurden bisher nicht systematisch unter­sucht, die Ergebnisse versprechen spannende Er­kenntnisse über die Verflechtung von Kreditbeziehungen zwischen Kathedralklerus und Stadtbewohnern zu liefern.

Die letzten beiden Vorträge beschäftigen sich mit Städten im nordwestdeutschen Raum. Jan Siegemund (Dresden) präsentierte in seinem Beitrag „Different Kinds of Credit in Late Medieval City Accounts: The Example of Bocholt (1407-1420)“ wie städtische Rechnungs­bücher als Instrumentarium für Kreditbeziehungen genutzt wurden. Anhand der Gattung der Rechnungs­bücher konnte Siegemund Kreditbeziehungen finden, die ansonsten nicht überliefert worden sind und somit wertvolle Einblicke in städtische Kreditbeziehungen aufzeigen.

Der letzte Beitrag von Monika Gussone (Mannheim) mit dem Titel „City Accounts and complementary Records as Sources for small Credits granted and received in late medieval Wesel and Kalkar“ knüpfte an die Thematik der städtischen Kreditwirtschaft an. Die Vortragende konnte am Beispiel von Wesel und Kalkar zeigen, dass die Erforschung von Kredit­praktiken über die Stadtgrenze hinaus ein lohnenswertes Unter­fangen ist und erst die Berücksichtigung reziproker Beziehungen zwischen verschiedenen Städten ein vollständiges Bild ermöglichen.

Alle Vorträge zeigten anhand ihrer jeweiligen Fallbeispiele, dass sich Kreditgeschäfte auf mehreren Ebenen abgespielt haben. Um diese Komplexität der Kreditmärkte jedoch zu erfassen, ist eine besondere Berücksichtigung der Materialität der Quellen notwendig – und zwar auch die Berücksichtigung jenes Schriftgutes, das wir heute nicht vornehmlich mit Kreditgeschäften in Verbindung bringen würden. Abgeschlossen wurde die Tagung durch einen Workshop in den National Archives in Kew zu Quellen zu Kredit- und Schuld­verhältnissen im mittelalterliche England.