Our Father (2025)

Triggerwarnung: Der Film thematisiert familiäre Gewalt, psychischen Missbrauch sowie religiös legitimierte Machtverhältnisse. Einige Szenen können emotional belastend wirken.
Filmkritik:
Ein südosteuropäischer Spielfilm aus dem Jahr 2025, realisiert von Goran Stanković, der nicht schreit, sondern schweigt – und gerade dadurch erschüttert. Our Father ist ein stilles, konzentriertes Drama über familiäre Macht, religiöse Autorität und die zerstörerische Kraft des Ungesagten.
Es gibt Filme, die laut sind, und solche, die wirken. Our Father gehört entschieden zur zweiten Kategorie. Still und von beinahe asketischer Konsequenz entfaltet der Film eine emotionale Wucht, die sich nicht in dramatischen Ausbrüchen entlädt, sondern sich schichtweise in das Bewusstsein seiner Zuschauer:innen einschreibt. Erzählt wird von einem familiären Machtgefüge, in dem religiöse Autorität, emotionale Abhängigkeit und Schweigen ein Klima erzeugen, das Kontrolle nicht offen ausübt, sondern tief verinnerlicht weiterwirkt. Im Zentrum steht das Verhältnis zwischen einer Vaterfigur und ihrem Kind – geprägt von einer
Autorität, die sich weniger durch physische Gewalt als durch moralische Überlegenheit, Schuldzuweisung und religiöse Legitimation manifestiert. Der Film zeigt keinen eruptiven Konflikt, sondern einen Zustand: das langsame Wirksamwerden von Macht, deren Folgen sich vor allem in der psychischen Verfassung der Figuren offenbaren.
Dabei verweigert sich Our Father konsequent jeder narrativen Bequemlichkeit. Er erklärt nicht, exponiert nicht, er deutet an. Diese Zurückhaltung ist kein Mangel, sondern seine größte Stärke. Bilder, Blicke und Pausen tragen die Erzählung; das Publikum wird nicht geführt, sondern hineingezogen und zur eigenen Deutung gezwungen.
Diese Haltung spiegelt sich in der präzise komponierten Bildsprache. Die Kamera sucht die Nähe, oft bis zur Schmerzgrenze. Die Nähe der Kamera lässt kaum Distanz zu, Gesichter füllen den Bildraum, jede Regung, jedes Zögern wird sichtbar. Die daraus entstehende Intimität ist beklemmend und macht erfahrbar, wie sehr die Figuren den Strukturen ausgeliefert sind, in denen sie leben.
Die Lichtgestaltung verstärkt diesen Eindruck. Harte Kontraste und spärlich ausgeleuchtete Räume erzeugen eine Atmosphäre permanenter Anspannung. Licht fungiert hier nicht als Erlösung, sondern als Mittel der Entblößung: Es legt frei, ohne zu befreien. Räume werden zu emotionalen Gefängnissen, jede Einstellung wirkt bewusst gesetzt und dramaturgisch präzise.
Besonders eindrucksvoll ist der Umgang mit Ton und Stille. Dialoge sind rar und fragmentarisch; Worte verlieren ihre erklärende Funktion. Die eigentliche Kommunikation findet im Schweigen statt – in Pausen, Blicken, im Zögern. Diese Stille ist nicht leer, sondern schwer und lastet auf den Szenen.
Auch die Musik folgt dem Prinzip der Reduktion. Sie tritt nur punktuell in Erscheinung und vermeidet jede emotionale Überhöhung. Stattdessen übernehmen Alltagsgeräusche – ein Atemzug, das Knarren eines Bodens, das Rascheln von Kleidung – die narrative Arbeit und verleihen der psychischen Enge eine beinahe körperliche Präsenz.
Die Montage ist ruhig und kontrolliert. Schnitte dienen nicht der Zuspitzung, sondern dem Aushalten. Der Film lässt seinen Szenen Zeit – manchmal mehr, als angenehm ist. Doch gerade in dieser Zumutung liegt seine Kraft. Narrative Brüche oder Rückblenden werden sparsam eingesetzt und fügen sich organisch in den Erzählfluss ein.
Inhaltlich verhandelt Our Father die Mechanismen patriarchaler Macht und religiös legitimierter Autorität, ohne je in plakative Anklage zu verfallen. Gewalt erscheint nicht als Ausnahme, sondern als struktureller Zustand: leise, allgegenwärtig und tief verinnerlicht.
Besonders bemerkenswert ist die Vielschichtigkeit der Figurenzeichnung, in der Schuld und Verantwortung nicht eindeutig verteilt, sondern als Teil eines komplexen Gefüges sichtbar werden.
Our Father ist kein Film, der gefallen will. Er fordert Geduld, Aufmerksamkeit und emotionale Offenheit – und entfaltet gerade deshalb eine Wirkung, die weit über die letzte Einstellung hinaus anhält.
Für wen ist dieser Film geeignet?
Our Father richtet sich an Zuschauer:innen, die sich auf ruhiges, formal präzise gestaltetes und inhaltlich anspruchsvolles Kino einlassen möchten. Besonders geeignet ist der Film für ein Publikum, das sich mit Fragen familiärer Macht, religiöser Prägung und psychologischer Abhängigkeit auseinandersetzen will. Wer eindeutige Antworten erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch bereit ist, Ambivalenzen auszuhalten, erlebt einen Film von großer emotionaler und gedanklicher Intensität.