Der Streit um Alexander den Großen

Die tagespolitische Relevanz der Alten Geschichte im Balkan

Auch die deutschen Medien haben darüber berichtet: Am 25. Januar 2019 hat das griechische Parlament mit knapper Mehrheit der Regierungs­vorlage zugestimmt, dass ihr Nachbarland künftig „Nordmazedonien“ heißen dürfe. Dieser Kompromiss war zwischen den Regierungs­chefs beider Länder im Juni 2018 ausgehandelt worden, doch es hatte starke Widerstände dagegen gegeben, vor allem auf griechischer Seite: In zahlreichen Demonstrationen wurde gefordert, dem Nachbarn keinerlei Rechte auf den Namen „Mazedonien“ zuzugestehen, auch nicht mit Zusatz: „Keinen einzigen Buchstaben dieses heiligen Namens dürfen sie benutzen“, wie eine Demonstrantin eine weitverbreitete Meinung prägnant ausdruckte. Noch kurz vor der entscheidenden Abstimmung gingen in Athen um die 100.000 Menschen auf die Straßen, es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei, der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras wurde als Verräter an der griechischen Nation beschimpft. Aus mehreren Ecken kommt deshalb der Vorschlag Tsipras und sein Amtskollege Zoran Zaev für den Friedensnobelpreis zu nominieren, denn sie haben gegen die Nationalisten in beiden Ländern an der Lösung eines Dauerkonflikts gearbeitet, der zwar nicht mit Waffengewalt ausgetragen wurde, aber lange Zeit eine erhebliche Belastung für die politischen Beziehungen auf dem südlichen Balkan gewesen ist.

Worum aber geht es bei diesem Konflikt überhaupt? Warum wollen überhaupt die Griechen darüber mitbestimmen, wie ihr Nachbarland heißt? Es gibt zwar auch eine griechische Provinz Makedonien, doch eine solche Namensgleichheit führt nicht notwendigerweise zu erbittertem Streit (man vergleiche „Frankreich“ und die deutsche Region „Franken“). Um den Konflikt zu verstehen, muss man in die nähere und in die fernere Vergangenheit zurückgehen.

Am 8. September 1991 erklärte die damalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien ihre Unabhängigkeit. Sie trug anfangs nicht nur denselben Namen wie die angrenzende griechische Provinz, sondern auch die Nationalflagge war mehr oder weniger dieselbe: der Stern von Vergina vor einem roten statt vor einem blauen Hintergrund. Dies wurde von Griechenland als Provokation empfunden, es kam 1994 sogar zu einer Handels­blockade. 1995 wurde das Flaggen­problem gelöst, indem Mazedonien eine stärker verfremdete Version des Sterns auf seine Nationalflagge setzte, aber der Namensstreit ging weiter. Infolgedessen wird die Republik Mazedonien bis heute in der offiziellen Liste der Mitglieder der Vereinigten Nationen unter T(!) als „The Former Yugoslav Republic of Macedonia“ geführt. Auch blockierte Griechenland bislang den Beitritt des Landes in EU und NATO.

Auch wenn es in der Antike umstritten war, ob die Makedonen Griechen waren, hat der moderne griechische Staat sich immer auf das makedonische Erbe berufen. Und obwohl die Slawen erst 1000 Jahre nach Alexander dem Großen in die Region kamen, hat die Republik Mazedonien sich in die Nachfolge der antiken Makedonen gestellt, weil ihr Land teilweise im Gebiet des antiken Makedonien liegt und die slawische Bevölkerung der Region sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert als Mazedonier bezeichnet. Man konstruierte so eine lange Nationalgeschichte als beste Grundlage für die Schöpfung einer neuen nationalen Identität. Die Entstehung eines neuen Staates an ihrer nördlichen Grenze, die sich gleichfalls auf das Erbe Alexanders des Großen und die dazugehörige Symbolik berief und denselben Namen hatte wie die griechische Provinz, wurde von den meisten Griechen als „Diebstahl“ ihrer Geschichte und ihrer nationalen Identität wahrgenommen. Des weiteren befürchteten manche Griechen auch Gebietsansprüche seitens der neuen Republik.

Der schon erwähnte Stern von Vergina, das Symbol der Argeadendynastie, die über das antike Königreich Makedonien herrschte, weist auf die Rolle der Alten Geschichte in diesem Konflikt hin: Allgemeiner geht es um die Frage, wer das Erbe Alexanders des Großen, des wohl bekanntesten Argeadenkönigs, für sein Land beanspruchen darf. Die Regierung in Skopje hatte zum Beispiel eine Autobahn und einen Flughafen nach Alexander dem Großen und seinem Vater Philipp benannt und von beiden Königen auch riesige Statuen im Zentrum der Hauptstadt errichtet; die „Brücke der Zivilisationen“, die Besucher über den Vardar zum Archäologischen Nationalmuseum führt, ist umgeben von Bildnissen der Nationalhelden, unter anderen viele Argeadenkönige.

Nationalisten auf beiden Seiten haben einer Lösung immer im Weg gestanden, aber der Regierungs­antritt der Sozialdemokraten von Zoran Zaev in Mazedonien zeitgleich zur linken Regierung von Alexis Tsipras in Griechenland eröffnete neue Verhandlungs­möglichkeiten, zumal Tsipras seine anfangs radikale nationalistische Rhetorik gemäßigt hatte. In Prespes, einem Grenzort auf griechischer Seite, vereinbarten beide Ministerpräsidenten am 17. Juni 2018, dass die Republik sich Nordmazedonien nennen darf. Als Gegenleistung hat Skopje den Flughafen zum „Internationalen Flughafen Skopje“ und die Autobahn zur „Autobahn der Freundschaft“ umbenannt und damit die Bezüge zu Alexander und Philipp getilgt; die Alexanderstatue im Flughafen wurde entfernt. Und es wird auch diskutiert, die Alexanderstatue im Zentrum von Skopje, die eindeutig eine ähnliche Alexanderstatue in der griechischen Stadt Thessaloniki übertreffen wollte, zu entfernen: Diese nimmt die heutige Regierung in Skopje nämlich als ein Symbol der Irrationalität, Megalomanie und Korruption der rechten Vorgängerregierung wahr.

Dennoch wird es von vielen Griechen als „Diebstahl“ ihrer Geschichte betrachtet, wenn der Name ihres Nachbarlandes in irgendeiner Form das Wort „Mazedonien“ enthalte. Und auch in der Republik hat die Mehrheit in einem – nicht bindenden – Referendum gegen den Vertrag gestimmt. Hier spielen natürlich auch heutige politische Interessen mit hinein, z.B. hatte sich Russland in die Referendumskampagne eingemischt, um engere Beziehungen zwischen Mazedonien und der EU und der NATO zu verhindern.

Dass bei einem solchen Streit auch die Alte Geschichte eine wichtige Rolle spielt, kann aber nicht überraschen. Denn außerhalb der Geschichts­wissenschaft wird das historische Denken nach wie vor von „intentionaler Geschichte“ dominiert; dieser Begriff, bezeichnet „das (…), was in einer Gruppe von der Vergangenheit ,gewußt, wie über sie geurteilt, was mit ihr gemeint ist‘ – unabhängig davon, was die historische Forschung im modernen Sinne davon hält“ (Gehrke 1994). Arminius (Herrmann der Cherusker) hatte für den jungen deutschen Nationalstaat eine ähnliche Funktion wie Alexander der Große im skizzierten Konflikt, und noch in der Bundes­republik wurden Althistoriker heftig angegriffen, wenn sie darlegten, dass Arminius’ Ziel keinesfalls die Freiheit des deutschen Volkes vor auswärtigen Unter­drückern gewesen ist. Und nicht immer ist die intentionale Heranziehung von Geschichte negativ: Gerade das Beispiel des modernen Griechenland, das als völlig heterogenes Gebilde unter ungünstigen Bedingungen im 19. Jahrhundert entstanden war, zeigt, wie eine erfolgreiche Identitätsbildung durch die Konstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit erfolgen kann.

Beide Parlamente haben jetzt den Vertrag gebilligt, aber das bedeutet noch nicht, dass dadurch bei der Bevölkerung in beiden Ländern die Relevanz Alexanders des Großen und des antiken Makedonien in der eigenen Identitätsbildung geringer wird.

Christian Mann & Alexander Meeus, 4. Februar 2019

Christian Mann ist Inhaber des Lehr­stuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim.

Alexander Meeus ist akademischer Rat am Lehr­stuhl für Alte Geschichte der Universität Mannheim.

 

Weiterführende Literatur

Eugene N. Borza, „Macedonia Redux“, in Frances B. Tichener & Richard F. Moorton (Hgg.), The Eye Expanded: life and the arts in Greco-Roman Antiquity, Berkeley, CA, 1999, S. 249–266.

Andrew Erskine, „Ancient History and National Identity“, in ders. (Hg.), A Companion to Ancient History, Chichester 2009, S. 555–563.

Hans-Joachim Gehrke, „Mythos, Geschichte, Politik — antik und modern“, Saeculum 45 (1994), S. 239–264.

Peter Van Nuffelen, „Sind die Mazedonier Griechen? Über Forschungs­geschichte und Nationalismus“, in Martin Lindner (Hg.), Antikenrezeption 2013 n. Chr. (Rezeption der Antike 1), Heidelberg 2013, S. 88–106.

Andreas Willi, „Whose is Macedonia, Whose is Alexander?“, The Classical Journal 105 (2009), S. 57–62.

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