Eine weißgewaschene Afrikanerin?

Zum neuen Streit um Kleopatra

Die ptolemäische Königin Kleopatra VII., eine der berühmtesten Frauen der Antike, hat auch zwei Jahrtausende nach ihrem Tod nicht die Fähigkeit verloren, Kontroversen auszulösen. Im Oktober 2020 hat Paramount bekannt gegeben, die Hauptrolle im neuen Kleopatra-Film mit der israelischen Schauspielerin Gal Gadot zu besetzen, seitdem gibt es laute Vorwürfe: Kleopatra sei eine afrikanische Königin, und deshalb solle sie – nachdem Claudette Colbert, Liz Taylor und andere Europäerinnen sie usurpiert hätten – nun endlich von einer afrikanischen, möglichst dunkelhäutigen Schauspielerin verkörpert werden. Hannah Flint sieht hier „Whitewashing“ und eine verpasste Chance Hollywoods, in Blockbustern endlich mehr Gleichheit zwischen den Kontinenten herzustellen. Es liegt jenseits althistorischer Kompetenz, die Besetzungs­politik der Filmindustrie zu beurteilen. Da die Debatte sich aber um die Identität der Kleopatra dreht, ist die Alte Geschichte durchaus gefordert.

Kleopatra VII. (70/69–30 v. Chr.) war die letzte Königin aus dem Geschlecht der Ptolemäer, das Ägypten bereits seit Jahrhunderten beherrschte. Der Begründer der Dynastie, Ptolemaios I. Soter, stammte aus dem makedonischen Adel [s. den Blogpost zur Debatte um die Ethnizität der antiken Makedonen], hatte an den Feldzügen Alexanders des Großen teilgenommen, sich nach dessen Tod Ägypten als Machtbasis gesichert und eine neue Dynastie gegründet. In seinem Reich waren die Schlüsselpositionen in Verwaltung und Militär mit Makedonen und Griechen besetzt, die Mehrheit der Bevölkerung aber hielt an der traditionellen ägyptischen Religion, Sprache und Tradition fest. Es entstand so eine Gesellschaft mit zwei Gesichtern, einem ägyptischen und einem griechisch-makedonischen. Die Ptolemäer verbanden sich durch Heiraten zumeist mit anderen makedonischen Geschlechtern und praktizierten auch mehrfach die Geschwisterehe. Da sich aber aus dem Abstand von Jahrtausenden nicht gut feststellen lässt, wer wann mit wem schlief, kann man den Stammbaum der Kleopatra keineswegs lückenlos verfolgen. Ihr Vater war Ptolemaios XII., ihre Mutter möglicherweise eine Frau aus einem ägyptischen Priestergeschlecht. „If this were the case,“ so zitiert Flint in dem genannten Artikel eine Ägyptologin, „then Cleopatra could have been at least 50% Egyptian in origin.“

Solche Versuche, historische Persönlichkeiten genetisch einzuordnen, sind in der Öffentlichkeit beliebt, werden in der Geschichts­wissenschaft aber aus guten Gründen kritisch gesehen. Denn wenn man keinen biologischen Determinismus betreiben und den Charakter von der „Volkszugehörigkeit“ ableiten möchte, ist die Aussagekraft des zitierten Satzes gering. Viel spannender – und besser erforschbar! – ist die Frage, wie Kleopatra selbst gesehen werden wollte.

Kleopatra ließ selbstbewusst ihr Portrait auf Münzen prägen, zudem noch die Aufschrift „(Geld) der Königin Kleopatra […], der neuen Göttin“. In einem Medium, welches durch zahlreiche Hände ging, machte sie also keinen Hehl daraus, was man von ihr denken sollte: Sie war nicht nur eine Herrscherin, sondern auch eine Göttin. Und Plutarch schildert, wie sie einmal unter Flöten- und Kitharaspiel zu Marcus Antonius segelte, „gekleidet und geschmückt, wie man Aphrodite gemalt sieht, und Knaben wie gemalte Liebesgötter standen zu beiden Seiten und fächelten ihr Kühlung zu“ (Plut. Antonius 26,1f.). Plutarch berichtet auch, dass Kleopatra vor den Einwohnern Alexandrias die Kleider der Göttin Isis trug.

Foto: Kleopatra VII. und Marcus Antonius, Denar, 32 v. Chr., Bild: Classical Numismatic Group, Inc. (Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 2.5)

Kleopatras Verkleidungs­künste haben nicht nur Hollywoods Phantasie angeregt und zu Elizabeth Taylors spektakulärer Garderobe angeregt. Sie sind auch historisch bedeutsam, weil sie auf ein besonderes Phänomen des Hellenismus aufmerksam machen: Kleopatra war nicht nur menschlich, sondern auch göttlich. Dies hatte in ihrer Familie lange Tradition, denn jede Generation der ptolemäischen Dynastie war in den Genuss göttlicher Ehren gekommen, sodass – wohl nicht nur dem heutigen Betrachter – beim Anblick von Kleopatras Stammbaum von all den Göttern und Göttinnen regelrecht schwindelig werden mag. Wenn Kleopatra auf Münzen beanspruchte, als Göttin gesehen zu werden, und dies auch in literarischen Quellen seine Spuren hinterlassen hat, so ist dies nicht Ausdruck eines aberwitzigen Egos, sondern Anschluss an altbewährte Selbstdarstellung der ptolemäischen Herrscher und Herrscherinnen.

Denn Herrscherinnen spielten in der ptolemäischen Dynastie von Beginn an eine große Rolle in der Präsentation der Herrschaft. In manchen Papyri steht nicht der König an erster Stelle, sondern die Königin, wenn auf das Herrscherpaar verwiesen wird. Wenn also Kleopatra VII. in ihrer Selbstdarstellung den Sohn und Mitregenten an ihrer Seite unter­schlug und ihre Unter­tanen sie alleine als Herrscherin sahen, dann war dies nichts völlig Neues. Die siebte Kleopatra war nur die letzte in einer Reihe starker Frauen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass Kleopatra laut den literarischen Quellen in ihren Beziehungen den Ton angab. Marcus Antonius habe Kleopatra, so berichtet Plutarch, regelrecht verzaubert, wobei nicht ihr Aussehen, sondern ihre gebildete Konversation den Ausschlag gab. Aber die Beziehung zwischen beiden war nicht (nur) romantische Liebe, beide brauchten einander: Er benötigte die Ressourcen des reichen Ägyptens für seinen Feldzug gegen das Partherreich, sie wollte ihr Herrschafts­gebiet erweitern. In den „Schenkungen von Alexandria“ im Jahre 33 v. Chr. bestätigte Antonius Kleopatras Herrschaft über Zypern und die Kyrenaika, und auch die gemeinsamen Söhne wurden zu Königen großer Gebiete ernannt. Die Schenkungen kamen somit nicht nur Kleopatra, sondern indirekt auch Antonius zugute.

In den Augen vieler Römer hatte er damit aber eine rote Linie überschritten und Octavian einen Ansatzpunkt geboten, ihn zu diskreditieren. Die römische Öffentlichkeit wäre für einen Bürgerkrieg gegen den verdienten, aus einer alten und angesehenen Familie stammenden Antonius nur schwer zu begeistern gewesen. Deswegen wurden Gerüchte gestreut, Antonius wolle Rom der Kleopatra zum Geschenk machen und das Zentrum des Imperiums nach Alexandria verlegen (Cass. Dio 50,4,1). Antonius, so schien es, war zu einem willenlosen Werkzeug Kleopatras geworden. Somit wurde in Octavians Propaganda aus einem Bürgerkrieg ein Krieg gegen eine ägyptische Königin.

In Octavians Rede an seine Truppen vor der Entscheidungs­schlacht bei Actium (31 v. Chr.), wie sie Cassius Dio wiedergibt, vermischen sich die Angriffe gegen Kleopatra mit Angriffen gegen Ägypten: Die Königin sei die typische Vertreterin ihres Landes, das reich und opulent, aber auch lasterhaft und dekadent sei und wo man „kriechende und sonstige Tiere wie Götter verehre“ (Cassius Dio 50,24–30). Solche abschätzigen Urteile über das Land am Nil waren in Griechenland und Rom seit Jahrhunderten gängig. Properz stellte Kleopatra in eine Reihe mit orientalischen Hexen wie Medea. Von den makedonischen Wurzeln, die von den Ptolemäern stets betont worden waren, war nicht die Rede, denn es sollte keine Verbindung geben zwischen Kleopatra und Alexander dem Großen, der auch in Rom viel bewundert wurde.

Zurück zur aktuellen Debatte: Rassismus ist ein ernsthaftes Problem, der Kampf gegen Rassismus ist ehrenwert. Aber wer mit Geschichte argumentiert, sollte diese auch ein wenig kennen. Die Faszination, die von Kleopatra ausgeht, beruht gerade auf ihrem Facettenreichtum. Wer sie allein dem afrikanischen Kontinent zuordnet und ihre europäische Dimension bestreitet, folgt letztlich dem Bild, das ihre Feinde von ihr zeichneten. Ihrer Persönlichkeit und ihrem Selbstverständnis wird das nicht gerecht.

Christian Mann und Lukas Kainz, 18. Dezember 2020

Christian Mann ist Inhaber des Lehr­stuhls für Alte Geschichte an der Universität Mannheim;
Lukas Kainz ist wissenschaft­licher Mitarbeiter der Abteilung Alte Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Literatur

Pfeiffer, Stefan: Die Ptolemäer. Im Reich der Kleopatra, Stuttgart 2017.

Schuller, Wolfgang: Kleopatra. Königin in drei Kulturen. Eine Biographie, Reinbek bei Hamburg 2006.