Die Christianisierung Makedoniens

Von Paulus bis in die Spätantike

Ihren Anfang nahm die Christianisierung Makedoniens und somit gleichzeitig der europäischen Welt durch einen Traum des Apostel Paulus. In der biblischen Apostelgeschichte wird davon berichtet: Ein Makedonier sei Paulus erschienen und hätte ihn um Hilfe gebeten. Entschlossen, das Evangelium in Makedonien zu verkünden, brachen Paulus und sein Vertrauter Silas ihre missionarischen Tätigkeiten in Kleinasien unvollendeter Dinge ab und gingen im Jahr 49/50 nach Makedonien (Apg 16:8–10). Entlang der Reiseroute des Apostels lässt sich die Christianisierung in Makedonien sehr gut nachverfolgen.Doch nicht nur in den von Paulus besuchten Städten hielt das Christentum Einzug, sondern auch im übrigen Makedonien.Am kontrastvollsten ist der Über­gang vom Heiden- zum Christentum mit Sicherheit an der ehemaligen heidnischen Kultstätte Dion zu beobachten. Um nun die Christianisierung in Makedonien zu fassen, erscheint es sinnvoll, sie in drei Phasen zu unter­teilen: 1. Die Anfänge unter Paulus bis zur Legalisierung des Christentums (ca. 49/50–313), 2. die Zeit nach der Legalisierung des Christentums (313–400) und 3. die umfassende Ausbreitung des Christentums (400–600).

Philippi stellte die erste bedeutende Station des Apostels in Makedonien dar, da Paulus dort die erste christliche Gemeinde Europas gründete. In der Folgezeit entwickelte sich zwischen Paulus und der dortigen Gemeinde eine besondere Verbundenheit, von welcher ein erneuter Besuch des Paulus in Philippi – im Jahre 58 – und der in der Bibel enthaltene Philipperbrief zeugen. Von dieser engen Verbindung zum ,Heidenapostel‘ profitierte die Gemeinde Philippis in besonderem Maße, wie ein – wohl Anfang des 2. Jahrhunderts verfaßter – Brief Polykarps, des bedeutenden Bischofs von Smyrna, bezeugt (Kap. 3). Nach der Legalisierung des Christentums 313 lassen sich in Philippi vermehrt christliche Zeugnisse in Form von Inschriften, aber auch ersten Bauwerken nachweisen. Diese Tendenz verstärkte sich in der Folgezeit, bis das Christentum ab dem 5. und 6. Jahrhundert zur dominierenden Kraft wurde. Neben der vermehrten Errichtung monumentaler Bauwerke zeugen auch zahlreiche Inschriften von einer sich nun als christlich verstehenden Stadt.

Nach Beendigung seiner missionarischen Tätigkeit in Philippi gelangte Paulus nach Amphipolis. Auch wenn Amphipolis für Paulus nur eine Durchgangsstation auf seiner Reise durch Makedonien war, sollte man die Wirkung seines Besuches nicht unter­schätzen. Zwar datieren die ersten christlichen Über­lieferungen aus Amphipolis sehr spät, sie sind dafür aber um so imposanter. Im 5./6. Jahrhundert entstanden innerhalb kurzer Zeit fünf christliche Kirchen. Inschriften bezeugen zudem eine vitale christliche Gemeinde.

Dion wurde von Paulus zwar nicht besucht, doch nirgendwo zeichnet sich der Über­gang vom Heiden- zum Christentum so deutlich ab. Den ersten Nachweis für die Existenz christlichen Glaubens liefert ein für 343 belegter Bischof. Das Amt des Bischofs ist im Übrigen eine Gemeinsamkeit, welche man in allen vier unter­suchten Städten findet. Im weiteren Verlauf entstanden in Dion zwei Basiliken, und auch christliche Inschriften zeugen von einer zunehmenden Ausbreitung des Christentums.

Den Höhepunkt der Reise des Paulus markiert der Besuch Thessalonikis. Dort gründete Paulus 49/50 ebenfalls eine christliche Gemeinde. Dass sich Paulus der zentralen Bedeutung der Provinzhauptstadt Thessaloniki für die Ausbreitung des Christentums in der gesamten Region bewusst war, zeigen die in der Bibel enthaltenen Briefe an die Thessaloniker. In der Hauptstadt finden sich bereits vor der Legalisierung einige Hinweise auf die Ausbreitung des christlichen Glaubens. Während zu Beginn des vierten Jahrhunderts mit Galerius noch ein entschiedener Gegner des Christentums in Thessaloniki residierte, hielten sich im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts mit Konstantin und Theodosius zwei entschiedene Förderer des christlichen Glaubens über längere Zeit in Thessaloniki auf. Beide Kaiser trugen sicherlich ihren Teil dazu bei, dass das Christentum in der Bevölkerung Thessalonikis zunehmend einen festen Platz einnahm. Der Bau christlicher Monumente wurde in der Folge intensiv vorangetrieben. Die überlieferten Inschriften bilden nicht nur einen Querschnitt durch die gesamte Gesellschaft, sondern verweisen auch auf eine fundierte Ämterstruktur innerhalb des Christentums.

Auch wenn Makedonien nicht in seiner Gänze erfasst wurde, so lässt sich aufgrund der aktuellen Quellenlage nur schwerlich ein einheitliches Bild für die Christianisierung in Makedonien zeichnen. Während sich Philippi und Thessaloniki beinahe adäquat in die drei genannten Phasen einteilen lassen, sind für den Beginn der Christianisierung in Amphipolis und Dion beinahe keine Zeugnisse vorhanden. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass die Christianisierung in Amphipolis und Dion nicht aus heiterem Himmel eintrat, sondern ebenso auf einem bereits gewachsenen frühchristlichen Fundament beruhte. Letztlich bleibt die Erforschung der Christianisierung im Römischen Reich eine ebenso schwierige wie wichtige Aufgabe.

Nils Roßnagel, 13. März 2019

Nils Roßnagel studiert Geschichte (Master of Education) an der Universität Mannheim und verfasste seine Bachelor­arbeit über die Christianisierung Makedoniens.

 

Weiterführende Literatur

Winfried Elliger, Mit Paulus unter­wegs in Griechenland. Philippi, Thessaloniki, Athen, Korinth, Stuttgart 2007.

Hartmut Leppin, „Christianisierungen im Römischen Reich. Über­legungen zum Begriff und zur Phasenbildung“, in: Zeitschrift für Antike und Christentum 16 (2012), 247–278.

Hartmut Leppin, Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstantin, München 2018.

Walter Ameling (Hg.), Die Christianisierung Kleinasiens in der Spätantike (Asia Minor Studien 87), Bonn 2017.

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